Wie funktionieren Liebesgeschichten? – Das Erzählmuster “Geopferte Liebe“

Das Szenario der geopferten Liebe ist ein populäres und sehr erfolgreiches Erzählmuster. Filme und Romane, die diesem Muster folgen sind beispielsweise Die Brücken am Fluss (Roman von Robert James Wallner, 1992; Film von Clint Eastwood, Drehbuch: Richard LaGravenese, 1995), Der Pferdeflüsterer (Roman von Nicholas Evans, 1995; Film von Robert Redford, Drehbuch: Eric Roth und Richard LaGravenese, 1998), Das Ende einer Affäre (Roman von Graham Greene, 1951; Film von Neil Jordan, Drehbuch: Neil Jordan, 1999), Casablanca (Film von Michael Curtiz, Drehbuch: Julius J. Epstein, Philip G. Epstein, 1942), Gegen die Wand (Buch und Regie: Fatih Akin, 2004).

Was sind die typischen Elemente dieses Erzählmusters?

Die Hauptfigur begegnet ihrer großen Liebe und opfert sie am Ende zugunsten von etwas anderem.

Grundmuster

Das Grundmuster des Szenarios der geopferten Liebe ist einfach: Die Hauptfigur begegnet ihrer großen Liebe und opfert sie am Ende zugunsten von etwas anderem: In Die Brücken am Fluss, Der Pferdeflüsterer und Gegen die Wand ist es die Familie bzw. die Tochter, für die die große Liebe geopfert wird. In Das Ende einer Affäre ist es das Versprechen Gott gegenüber, dem sich die Hauptfigur verpflichtet fühlt. In Casablanca ist es weniger eine gesellschaftliche Verpflichtung, als vielmehr eine Selbstverpflichtung der Idee von Freiheit und Gerechtigkeit gegenüber, die die Hauptfigur ihre Liebe opfern lässt: Rick würde es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, aufgrund seines individuellen Glücksstrebens dem Kampf gegen die Unterdrückung und Menschenverachtung der Nazis eine Niederlage beigefügt zu haben.

Figuren

In Die Brücken am Fluss und Der Pferdeflüsterer ist eine der beiden liebenden Figuren eine verheiratete Frau über dreißig mit Kindern. Sie bricht unverhofft die eheliche Treue und fängt eine leidenschaftliche Affäre mit einem seelenverwandten Mann an, dem sie nie zu begegnen glaubte. Dieser Mann ist ein außergewöhnlicher und freiheitsliebender Einzelgänger, der in einer vollkommen anderen Welt als sie lebt und keinerlei Verpflichtungen gegenüber irgendjemandem hat. Er liebt sie mit der gleichen Intensität wie sie ihn und will, dass sie mit ihm fortgeht. Am Ende muss sie sich entscheiden zwischen dem Glück ihres Lebens und einem anderen Wert (siehe meinen Text über werteorientierte Dramaturgie).

Die Hauptfigur muss sich zwischen ihrer großen Liebe und einem anderen Wert entscheiden.

Typisch für das Szenario der geopferten Liebe ist die Krise der Hauptfigur (siehe auch hier und hier): Geht sie mit ihrer große Liebe in eine neue, aber ungewisse Zukunft oder bleibt sie in ihrem alten Leben? Sie entscheidet sich für ihr gewohntes Leben und opfert ihre große Liebe. Die entscheidende Frage ist, warum sie ihre große Liebe opfert. Dazu weiter unten mehr.

Partner-Figuren und Große-Liebe-Figuren
Annie in Der Pferdeflüsterer und Francesca in Die Brücken am Fluss leben in einer Ehe, die emotional auf einem sehr niedrigen Level abläuft. Annie hält ihren Mann auf Distanz, Francesca wird von ihrem kaum wahrgenommen. Als Robert sie nach ihm fragt, ist das erste, was ihr zu ihm einfällt, dass er reinlich ist. Robert ist überrascht. Francesca versucht noch, ihren Mann in ein besseres Licht zu stellen, doch ihr kommt nicht mehr in den Sinn, als dass er fleißig, fürsorglich, ehrlich, gütig und ein guter Vater ist. Annies Mann ist ebenfalls nicht besonders aufregend, aber verlässlich und grundsolide. Sarahs Ehemann Henry in Das Ende einer Affäre ist sogar noch eine Spur solider. Er wohnt mehr mit Sarah zusammen, als dass er mit ihr lebt. Sarah sagt ihrem Geliebten Maurice einmal, dass sie nicht nur nicht selten, sondern überhaupt keinen Sex haben.

Die große Liebe als Gegenentwurf zum Ehemann.

Genau diese Grundanständigkeit und Leidenschaftslosigkeit dürfte es sein, was diese Frauen an ihren Männern lieben. Denn dann müssen sie selbst nicht leidenschaftlich sein und können die Kontrolle über ihr Leben behalten.

Ihre große Liebe ist das klare Gegenteil ihrer Ehemänner. Sie sind freiheitsliebend, unbekümmert, meistens entspannt und nehmen das Leben leicht. Maurice in Das Ende einer Affäre ist Schriftsteller, Robert in Die Brücken am Fluss Fotograf und Tom in Der Pferdeflüsterer ist ebenfalls auf seine eigene Weise eine Art Künstler. Sie verkörpern das, wonach sich die opfernden Figuren einerseits sehnen, was sie zu leben sich aber andererseits bislang nicht getraut haben. Die große Liebe ist der Gegenentwurf zu ihrer eigenen und zur Welt der Ehemänner.

Psychologische Muster: Motivation der Hauptfigur

Interessant ist, dass Geschichten, in denen die große Liebe geopfert wird, enorm beliebt sind, wo doch eigentlich angenommen werden dürfte, dass sich das Publikum und die Leserschaft eher wünschen, dass die Liebenden am Ende zusammen kommen. Ist es nicht paradox, dass einige der populärsten Liebesgeschichten tiefste Leidenschaften und das Liebesopfer miteinander verbinden?

Schuldgefühle und Verantwortungsbewusstsein
Die Antwort lautet nein, sofern sie nicht auf der Seite der Größe des Opfers gesucht wird, sondern auf der Seite dessen, für das die große Liebe geopfert wird. Denn Geschichten, in denen die große Liebe geopfert wird, spiegeln moralische Aspekte und soziale Normen einer Gesellschaft wider. Auch in Zeiten eines Selbstverwirklichungsindividualimus´, in dem die persönliche Entwicklung und das individuelle Glück einen hohen Stellenwert haben, verurteilt laut der amerikanischen Familien- und Sozialpsychologin Marcia Millman die Gesellschaft Liebende, die das Netz der sozialen Verpflichtungen und Konventionen zerreißen. Die sozialen Sanktionsregularismem drücken sich bei den Betroffenen in Form von Schuldgefühlen und einem schlechtem Gewissen aus, ihrer von der Gesellschaft verlangten sozialen Verantwortung nicht nachgekommen zu sein. Ein grundlegender Konflikt dieser Geschichten ist also der zwischen individuellem Glücksstreben und einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl.

Das individuelle Glücksstreben der Hauptfigur und ihr Verantwortungsbewusstsein widersprechen sich.

Angst vor sozialer Isolation und Identitätsverlust
Ein weiterer, damit zusammenhängender Grund, die große Liebe zu opfern, ist die Angst, ausgeschlossen zu werden und damit einen Teil der Identität zu verlieren. Denn die bestehende soziale Welt für eine leidenschaftliche Liebe aufzugeben, bedeutet für die Hauptfigur, sich von dem sozialen Netzwerk zu trennen, in dem sie sich wohlfühlt. Sie kann sich ein Leben ohne ihre Familie und ihr soziales Umfeld nicht vorstellen, denn daraus bezieht sie ihre Identität und ihren Lebenssinn. Sie befürchtet, dass ihre neue Liebe, wenn sie nicht durch dieses soziale Netzwerk getragen wird, zu intensiv werden könnte und sie vereinsamt oder an der entstehenden Enge erstickt. Vielleicht ist sie am Ende isoliert und von der Welt und ihrer Familie abgeschnitten, wie die Figur Harry in Zweimal im Leben und Anna in Anna Karenina.

Angst vor Kontrollverlust
Eine weitere mögliche Ursache für ein Liebesopfer ist die Angst vor Kontrollverlust: Die opfernde Figur schreckt oft vor der Stärke ihrer Gefühle zurück und hat sich bislang immer Beziehungen mit maßvollen Emotionen ausgesucht. Diese unbewusste Angst einer „beherrschten Frau“ drückt sich Millman zufolge in der bewussten Angst aus, dass etwas Furchtbares geschehen wird, wenn sie sich von ihrer Leidenschaft mitreißen lässt.

Die Hauptfigur hat Angst vor intensiven Gefühlen.

Ein Beispiel für die Angst vor Kontrollverlust ist die Hauptfigur Annie in Der Pferdeflüsterer. Sie hält ihr Leben eisern unter Kontrolle. Ihr Verhältnis zu ihrem Mann ist distanziert. Sie hat Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, und intensive Gefühle sind nun einmal nicht so leicht in den Griff zu kriegen. Deshalb hat sie nie zuvor leidenschaftlich geliebt und sich nicht für einen Mann entschieden, den sie über alles liebt, sondern für einen, der zu ihr passt, ihr die Oberhand in der Beziehung lässt und nicht zuviel Intimität und Leidenschaft von ihr abverlangt.

Die Bewahrung der großen Liebe als rein
In Die Brücken am Fluss und in Casablanca drücken die opfernden Figuren explizit aus, dass ihre Liebe durch das Opfer nicht stirbt, sondern im Gegenteil, sogar als rein in der Erinnerung bewahrt wird. Sehr deutlich wird dies in Die Brücken am Fluss: Francesca sagt Robert, dass sie ihn immer so lieben will, wie in den vergangenen vier Tagen und sie befürchtet, dass diese reine Liebe zerstört werden würde, wenn sie mit ihm fort ginge. Rick antwortet in Casablanca auf Ilsas Frage, was mit ihrer Liebe geschieht: „Wir haben immer noch Paris“ – also die Erinnerung an ihre glücklichste Zeit.

Die Hauptfigur opfert ihre große Liebe, um sie zu erhalten.

Warum macht der Glaube, dass die Liebe nie in Vergessenheit geraten wird, den Verlust der Liebe im realen Leben wett? Weil die Liebenden zu dem Schluss kommen, dass die einzige Möglichkeit, sich ihre Liebe rein und makellos zu erhalten, darin besteht, sie in der Erinnerung zu bewahren. Ihre Überzeugung, dass ihre Liebe auch die Trennung überdauert, ist ausschlaggebend für ihr Opfer. Der Trost, immer geliebt und vermisst zu werden – unersetzbar zu sein –, gibt ihnen ein Gefühl von Bedeutung. Diese Bestätigung erfüllt das Bedürfnis, das sie ursprünglich zu befriedigen suchten: das Verlangen nach Bedeutung und Anerkennung, die sie vor ihrer Begegnung nicht in ihrem Leben fanden.

Themen, Werte und Aussagen

Geschichten, die von einer geopferten Liebe erzählen, transportieren eine klare Aussage: X ist wichtiger als die große Liebe bzw. das persönliche Glück. Der Grund dafür sind die großen, aber sich widersprechenden Werte, die auf dem Spiel stehen und aus denen sich das Konfliktfeld und das Spannungsverhältnis für die Figur ergibt: Verantwortungsgefühl versus Leidenschaft, Pflicht versus Egoismus, Ohnmacht versus Kontrolle, Liebe versus Sicherheit.

Ist die Entscheidung der Hauptfigur von ihren eigenen oder von den Bedürfnissen anderer bestimmt?

Die Aussage der Geschichte einer geopferten Liebe hängt also von der Entscheidung ab, die die Hauptfigur in ihrer Krisensituation trifft: Ist die Entscheidung von ihren eigenen oder von den Bedürfnissen anderer bestimmt? Die Brücken am Fluss, Der Pferdeflüsterer, Gegen die Wand sind eher konservativ in dem Sinne, dass der Hauptfigur das Wohl ihrer Familie wichtiger ist als ihr eigenes Glück. Das entspricht einer Mentalität, die sehr stark die vierziger und fünfziger Jahre geprägt hat und bis heute noch in vielen Gesellschaftsschichten maßgebend ist: Die Frau opfert bedingungslos ihr Glück für das Wohlergehen ihrer Kinder und zur Aufrechterhaltung sittlicher Normen.

Folgt die Hauptfigur wie Anna Karenina ihrem eigenen Glück, stürzt sie ins Verderben. Die Hauptfigur in Zweimal im Leben trägt hingegen die negativen Konsequenzen ihres Strebens nach dem persönlichen Glück: Sie wird zwar aus ihrer Familie und ihrem sozialen Umfeld ausgeschlossen. Das Glück ihrer neuen Liebe und ihres neuen Lebens scheint diese Ablehnung jedoch mehr als auszugleichen.

Weitere Aussagen und mögliche Handlungsverläufe

Das Streben nach dem persönlichen Glück führt ins Verderben.
Das ist die Aussage, die in Anna Karenina getroffen wird. Um sie zu erzielen, könnten die Nebenfiguren positiv gezeichnet sein: der gute Ehemann, die lieben Kinder etc.. Dennoch verlässt die Hauptfigur sie, um ihrem persönlichen Glück zu folgen. Ihr Glück hält jedoch nicht lange an und sie muss feststellen, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat. Hält sie dennoch an ihr fest, geht sie zugrunde. Sieht sie ihre Fehlentscheidung ein, dürfte sie reumütig zu ihrer alten Familie zurückkehren wollen und muss hoffen, dass ihr vergeben und sie wieder aufgenommen wird.

Das Streben nach persönlichem Glück führt ins Verderben.

Strukturell gesehen könnte die Hauptfigur im auslösenden Ereignis auf ihre große Liebe treffen. Im ersten Wendepunkt könnte sie sich ihrer Liebe bewusst werden und eine Affäre mit ihr beginnen. Im zentralen Punkt trennt sie sich von ihrer Familie und folgt ihrer Liebe. Im nächsten Erzählabschnitt könnte sie feststellen, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat und im zweite Wendepunkt den Beweis dafür geliefert bekommen: Ihre große Liebe trennt sich von ihr. Der dritte Akt könnte dann davon erzählen, wie sie versucht, ihre große Liebe zurückzugewinnen (hier könnten auch Elemente des Szenarios der obsessiven Liebe verwendet werden), am Ende jedoch scheitert und zugrunde geht. Oder es wird erzählt, wie sie reumütig zu ihrer Familie zurückkehrt und darum kämpft, wieder aufgenommen zu werden, was ihr im Höhepunkt gelingt oder nicht gelingt.

Im letzteren Fall wäre die Aussage dann allerdings eine andere, etwa: Gib das Altbekannte nicht leichtfertig zugunsten von etwas scheinbar glücksversprechendem Neuem auf. Oder etwa: Nur wenn du dein altes Leben zu schätzen lernst, kannst du glücklich werden.

Nur wer seinem Herzen folgt, wird glücklich.

Nur wer seinem Herzen folgt, wird glücklich.
Diese Aussage dürfte nur funktionieren, wenn die Familie der Hauptfigur negativ gezeichnet wird. Ist sie positiv, erhält die Aussage den fahlen Beigeschmack des rücksichtslosen „Über-Leichen-Gehens“. Die Hauptfigur ist also unglücklich in ihrem alten Umfeld. Sie leidet, obwohl sie alles dafür tut, es ihrer Familie Recht zu machen. Anerkennung bekommt sie dennoch keine. Im Gegenteil: Für ihre Familie ist ihre Aufopferung eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit.

Als sie sich verliebt, werden die Familienmitglieder wachgerüttelt. Allerdings sehen sie nicht, was die Hauptfigur alles für sie getan hat in den letzten Jahren. Vielmehr haben sie Angst, die Annehmlichkeiten zu verlieren. Sie wollen nicht, dass die Hauptfigur glücklich wird, weil das für sie bedeuten würde, sich umstellen und ihren „Kram“ alleine erledigen zu müssen. Aus diesem Grund wollen sie mit allen Mitteln verhindern, dass die Hauptfigur sie verlässt. Sie werfen ihr Egoismus vor und sehen nicht, dass ihr eigenes Denken und Handeln egoistisch ist.

Durch die Versuche, das Glück der Hauptfigur zugunsten des eigenen Wohlbefindens zu zerstören, erkennt die Hauptfigur überhaupt erst in vollkommener Deutlichkeit, welchen Stellenwert sie in ihrer Familie hat, nämlich den einer billigen und allzeit zur Verfügung stehenden Hausbediensteten.

Auf der strukturellen Ebene könnte die Hauptfigur dies jedoch erst dann erkennen, nachdem ihre Familie einen Erfolg erzielt und die Hauptfigur ihre Liebe weggeschickt hat. Entweder dieser Erfolg oder das Erkennen der wahren Situation könnten der zweite Wendepunkt der Geschichte sein. Die Erkenntnis der Hauptfigur könnte aber auch das Ergebnis ihrer Krisenentscheidung sein, nach der sie sich endgültig von ihrer Familie trennt und ihrer großen Liebe hinterher fährt. Ist die Erkenntnis der zweite Wendepunkt, dann könnte der Erfolg der Familie der zentrale Punkt sein. Im vierten Erzählabschnitt – also zwischen dem zentralen Punkt und dem zweiten Wendepunkt – müsste dann erzählt werden, wie die Hauptfigur zu ihrer Erkenntnis gelangt. Der dritte Akt erzählt dann davon, wie sie sich trennt und um ihre große Liebe kämpft, die sie dann im Höhepunkt zurückgewinnt.

Das wahre Glück liegt in der Familie.

Das wahre Glück findet sich nur in der Familie.
Oder: Das persönliche Glück muss hinter dem Wohl der Familie oder der Gemeinschaft zurücktreten. Das ist die Aussage, die Die Brücken am Fluss und in Der Pferdeflüsterer getroffen wird.

Ein sehr interessanter Aspekt in Bezug auf diese Aussage findet sich in Die Brücken am Fluss: Die Zeit, in der die Geschichte spielt – Mitte der sechziger Jahre – und Francescas Lebensumstände scheinen es unvermeidlich zu machen, dass sie ihre Liebe zugunsten ihrer Familie opfert. Doch die Rückschau auf die Geschichte aus der Sicht der achtziger Jahre stellt das, was sie durch ihre Entscheidung verloren hat, in ein neues Licht und wirft die Frage auf, ob sie damit ihren Kindern tatsächlich einen Gefallen getan hat. Denn wenn Francesca geglaubt hätte, dass sie selbst einen Anspruch auf Glück hat, hätte sie diese Botschaft vielleicht auch ihren Kindern vermittelt. Sie blieb jedoch bei ihrem Mann, um den Glauben der Kinder an Ehe und Familie nicht zu erschüttern. Die Folge davon ist, dass beide in einer unglücklichen Beziehung verharren – bis sie Francescas Wahrheit erfahren. Denn im Rückblick betrachtet, hat ihr Opfer ungewollt eine ganz andere Aussage vermittelt – nämlich dass Glück nicht in der Ehe zu finden ist und nicht erwartet oder eingefordert werden kann.

Hat Francesca ihr Geheimnis preis gegeben, weil sie aufgrund der unglücklichen Ehen ihrer Kinder erkannt hat, dass sie ihnen falsche Wertmaßstäbe vermittelt hat? Laut Millman ist es in Wirklichkeit wahrscheinlich übermenschlich und unmöglich, ein großes Opfer zu bringen, ohne es bekannt werden zu lassen. Menschen, die darin Trost finden, lieber tugendhaft zu sein, als glücklich zu werden, hoffen normalerweise, dass ihre Tugendhaftigkeit bemerkt und anerkannt wird.

Wer seinem Herzen nicht folgt, wird nicht glücklich.

Wer seinem Herzen nicht folgt, kann kein Glück erlangen.
Diese Aussage ist die Umkehrung der Aussage der Beispielgeschichten und eine Variation von „Nur wer seinem Herzen folgt, kann glücklich werden“-Geschichten. In dieser Geschichte könnte die Hauptfigur zeitweise ihrer neuen Liebe folgen, aufgrund von Zweifeln und Gewissensbissen wieder zu ihrer Familie zurückkehren, um dann – nachdem sie vom Glück der großen Liebe genascht hat – festzustellen, dass sie sich in ihrem alten Leben nicht mehr wohlfühlt. Sie entscheidet sich dafür, ihre große Liebe zurückgewinnen zu wollen, schafft es jedoch nicht und bleibt in ihrem alten Leben gefangen.

Strukturell gesehen könnte sie im ersten Wendepunkt ihre Familie verlassen, im zentralen Punkt wieder zu ihr zurückkehren, im zweiten Wendepunkt zu der Erkenntnis gelangen, in ihrem alten Leben nicht mehr glücklich werden zu können und sich entscheiden, die große Liebe zurückzugewinnen, was ihr im dritten Akt jedoch nicht gelingt. Im Höhepunkt gibt sie ihren Kampf auf und akzeptiert, dass sie einen großen Fehler gemacht hat, indem sie ihrem Herzen nicht konsequent gefolgt ist, und zur Strafe ihr altes Leben weiter führen muss.

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