Zu Fatih Akins AUS DEM NICHTS

Die Kritiken zu Aus dem Nichts sind zwiespältig. In diesem Fall fällt mehr als üblich auf, dass einige Kritiker wohl einen anderen Film haben wollen, einen weniger subjektiven. Das bringt mich zu der Frage, ob es in der Kunst legitim ist, einzufordern, wie ein Thema zu behandeln ist. Ob es dafür so etwas wie objektive Kriterien überhaupt geben kann.
Es ist ja glasklar, was Fatih Akin will. Ist das kritisierbar?

Die genaueste Beschreibung des Films liefert übrigens Roland Zag in seinem Blog. Er hat aber eine andere Haltung als Kritiker. Er lässt mich teilhaben an seinen Eindrücken und prophezeit, dass dieser Film kein überragendes Zuschauerecho haben wird. Er hat damit wohl Recht behalten. Seine Kriterien des ,human factor‘ haben offensichtlich funktioniert.
Mir geht es aber um das Recht des Künstlers, seine Intention durchzusetzen.
Mir geht es aber um das Recht des Künstlers, seine Intention durchzusetzen. Auch mit dem Risiko eines nicht großen Erfolges. Man sollte die Erfolgsfrage immer nach Jahren noch einmal stellen. Kritik müsste zunächst immer von der Intention des Autors ausgehen, sie zu erkennen versuchen und dann erst einmal messen, ob das gelungen ist.

Professionell analysieren und urteilen mag ich eigentlich nur, wenn ich als Dramaturg in den Schaffensprozess eingebunden bin. Bin ich mit einem fertigen Film konfrontiert und habe nur die ja schon wertenden Informationen von Kritik und das ganze Bohei der Marketing-Strategien und Talkshows, also das, was der Kinobesucher meist auch vorab mitbekommt, dann bin ich gar nicht ungern zu einem normalen Kinobesucher „reduziert“.

Meine Anmerkungen:

1. Mich hat dieser Film zunächst einmal ganz stark beeindruckt. Ich war ziemlich sprachlos, als ich aus dem Kino kam. Akins durch eine große Wut gespeiste Motivation erzeugte bei mir ein Schamgefühl. Diese NSU-Morde über Jahre, dass da nicht richtig ermittelt wurde und die meisten hätten verhindert werden können, dafür schäme ich mich als deutscher Staatsbürger. Akin ist es also gelungen, sein Grundgefühl an mich weiter zu geben. Das ist doch was! Insofern ist es schade, dass dieser Film kein Kassenerfolg ist, da er doch beim Zuschauer eine gewisse Trauerarbeit auslösen kann.
Akins durch eine große Wut gespeiste Motivation erzeugte bei mir ein Schamgefühl.
2. Großen Respekt hab ich vor dem formalen Bau der Drei-, in Wirklichkeit Vierteiligkeit. Das ist sehr klug gemacht und führt zu verschiedenen Haltungen des Betrachters in einem Film von über einhundert Minuten. Vor dem Titel ganz kurz die Vorgeschichte: das spätere Opfer, ein Kurde, heiratet im Knast eine junge, blonde Deutsche, der er Dope verkauft hatte. Das vorzulegen ist eine gewisse Fairness den späteren Ermittlungen gegenüber. Einige Kritiker deuten an, dass diese Konstellation unwahrscheinlich sei.

3. Dann, neun Jahre später, die grausame Tat. Der Mann und der achtjährige Sohn sind tot. Opfer eines Anschlags. Nun werden wir – und das ist für mich  d i e  Stärke des Films – konsequent in die Perspektive der Witwe und Mutter gezwungen. Akin hat sich klar dafür entschieden. Nur so erscheinen uns gewisse Vorgänge und Fragen bei den Ermittlungen so schmerzhaft, wie sie für die Frau sein müssen. Also eine konsequent subjektive Opfer-Perspektive. Auch das machen einige Kritiker dem Film zum Vorwurf. Sie fordern eine objektivere Behandlung eines solchen Themas.

4. Als der längste Teil des Films erscheint einem der Gerichtsprozess. Als Zuschauer ist man sehr lange der Meinung, dieses Täter-Ehepaar könne nur verurteilt werden. Man hat ja auch gesehen, wie die junge Frau das Fahrrad abgestellt hatte. Man ist, filmisch, Tatzeuge. Die Witwe wird aber als Zeugin nicht anerkannt, da sie den Verdacht einer eingeschränkten Wahrnehmung wegen Drogenkonsum nicht ausräumen kann und will.
Eine konsequent subjektive Opfer-Perspektive.
Die Verteidigung der Täter spielt brillant ein diabolisches Spiel. Eine Lehrstunde über die Verfahrensweisen in einem Prozess. Darüber kann man sich ärgern, so ist aber nun mal rechtsstaatliches Vorgehen. Der Verteidiger der Nebenklägerin, unserer Hauptfigur, die jetzt zu einer noch tragischeren Opferfigur wird, macht sogar einen Stich, als er das falsche Alibi der Täter auseinander nehmen kann. Übrigens zeigt sich hier vielleicht nicht deutlich genug, dass die Nazis Netzwerke haben: internationale Gesinnungsgenossen und Top-Verteidiger. Auch die Besetzung dieser Nebenfiguren ist außerordentlich gelungen.

5. Die Täter werden freigesprochen. Nicht weil das Gericht von der Unschuld überzeugt wäre, sondern aus Mangel an Beweisen. Man muss schon Jurist sein, um das wirklich akzeptieren zu können. Wir als Zuschauer sind aber nun noch mehr auf der Seite der so zum zweiten Male zum Opfer gewordenen Hauptfigur.

6. Im letzten Teil wird der Film nun zu einem Thriller und einer Rachegeschichte. Die um Sühne gebrachte Frau fährt nach Griechenland, wo die Täter Urlaub machen. Sie wird erkannt und wir haben Angst um sie. Sie hat eine Bombe dabei und legt sie unter den Wohnwagen der Täter. Und nimmt sie wieder weg. Eigentlich sollte sie in Hamburg sein, um den Revisionsantrag ihrer Nebenklage zu unterschreiben. Sie schaut sich auf ihrem Smartphone noch einmal den Urlaubsfilm von glücklichen Tagen mit Mann und Kind an. Wir ahnen: sie kann, ungesühnt, nicht weiterleben. Wir sehen, wie sie mit der Bombe in den Wohnwagen geht.
Die Stärke des Films ist seine überragende Konstruktion.
Dann die Explosion. Sie ist zur Selbstmordattentäterin geworden, hat aber eine völlig andere Motivation als muslimische Terroristen. Sie übt Selbstjustiz. Sie ist Rächerin um den Preis ihres Lebens. Eine gut funktionierende Konsequenz in der dargestellten Wirklichkeit, die der Kunst vorbehalten ist. Da liegt der zweite gravierende Kritiker-Vorwurf gegen den Film. Ich bin da auf Akins Seite. Es ist gut so, wie zum Beispiel die Rache, die Cate Blanchett in Tom Tykwers Film Heaven übt. Auch deswegen gehen Menschen in Kino und Theater. Seit über 2000 Jahren.

7. Nun doch noch ein professionelles Fazit. Die Stärke des Films ist seine überragende Konstruktion. Die eben hebt ihn weit über ein Melodram hinaus. Selbst wenn einem der Film nicht gefällt, muss man doch zugeben, dass seine Handlung Hand und Fuß hat. Ich fühle mich an Callie Khouris / Ridley Scotts Film Thelma & Louise erinnert. Da zeigte sich auf Hollywood-Parties auch Unbefriedigtsein mit dem Ende. Aber es gibt für beide Filme kein anderes, besseres Ende.

Und ich denke für den hier so wichtigen Gerichtsteil hat sich der Künstler Fatih Akin den Auch-Juristen Hark Bohm als Co-Autor geholt.

We can cover that by a line of dialogue...

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