Inspiration – und dann? IV: Vom Bild zur Erzählung

Langeweile kann eine hervorragende Grundlage für Inspiration sein. Das lehren uns sogar die Geschichten selbst: erst, wenn der Held erkennt, dass er mit seinem Plan gescheitert ist, und sich im Tiefpunkt aller gewohnten Handlungsoptionen beraubt sieht, öffnet er sich neuen ungeahnten Möglichkeiten und Ideen. Anlässlich unserer neuen Häuslichkeit und wiederentdeckten Freizeit in Zeiten der Corona-Krise, eine Hilfestellung für das Entwickeln der ersten (oder zweiten, dritten, vierten, …) großen eigenen Geschichte.

Dieser Artikel ist dafür in vier Teile gegliedert: je nachdem, welcher Art die Inspiration für die Geschichte ist – ob es sich um die Idee für eine interessante Figur handelt, um die Idee für eine spannende Handlung, um die Idee für ein faszinierendes Bild, oder um ein wichtiges Thema –, stelle ich dar, wie von dieser Grundlage ausgehend die verschiedenen nötigen Dimensionen der Geschichte entwickelt und ergänzt werden können.

Der Reiz des Bildes und der Reiz unserer Geschichte

Die gute Idee ist ein Bild: Ein Kirchturm, der in zwei Hälften gebrochen ist; ein leeres Ruderboot in der Mitte eines kleinen Sees; ein Dachstuhl, der in Flammen steht; ein zerschmetterter Bilderrahmen; ein welkender Rosenbusch auf einem Grab – und so weiter und so fort. Meine Beispiele werfen sofort die Frage auf: »Was ist passiert?« Das kann ein guter Ansatz für die Entwicklung der Geschichte sein, das muss es aber nicht. Natürlich könnte meine Geschichte davon handeln, warum der Kirchturm in zwei Hälften brach, vielleicht ist der aber auch nur eine Seltsamkeit des Schauplatzes, die ich metaphorisch verstehen möchte. Es gilt, die Bildidee zu untersuchen und darin die eigene Erzählintention zu finden.

Erzählintention: ein großes Wort. Die britisch-australische Autorin und Dramaturgin Linda Aronson (»The 21st Century Screenplay«) fragt zu Beginn jeder Stoffentwicklung nach dem »spark« der Autorin oder des Autors, quasi dem Funken in der Idee die ihr oder sein Erzählfeuer entfacht hat. Ich nutze dafür gern das Wort »Reiz«: Was hat dich an der Idee so sehr gereizt, dass du jetzt anfangen musst, das aufzuschreiben? Es lohnt sich, diesen Reiz schriftlich festzuhalten und im Verlauf der Stoffentwicklung zu überprüfen, ob die entstandene Geschichte diesem Reiz treu geblieben ist oder sich unterwegs verlaufen hat – das passiert nämlich sehr schnell und lässt sich so wieder etwas einfangen. Aronson empfiehlt, zu Beginn der Stoffentwicklung den spark in einem Brief an sich selbst zu notieren: den kann man am Ende wieder öffnen, um die Geschichte auf diesen Reiz hin zu überprüfen, man kann ihn aber auch zum Beispiel in einer Schreibblockade öffnen, um sich daran zu erinnern, was einen einst so sehr gereizt hatte und sich von dem spark erneut anstecken lassen. Außerdem hilft der spark oder Reiz als Feedback-Instrument: Stellt eure Geschichte anderen vor und erfragt, welchen Reiz sie darin finden, und ob euer Reiz sich transportiert. Falls nicht, braucht es vielleicht schon früh in der Entwicklung ein paar Anpassungen.
Dem Publikum wird etwas mitgeteilt – was soll ihm mitgeteilt werden?
Ein Dramaturg, der ebenfalls viel mit der Erzählabsicht des Autors oder der Autorin arbeitet ist Roland Zag, ebenfalls Autor dieses Blogs. Die »Erzählabsicht« ist neben den »Zugehörigkeiten«, dem »Wertekonflikt«, dem »Regelwerk«, und der »Erzählordnung« eine seiner fünf grundlegenden »Dimensionen filmischen Erzählens« – so heißt auch sein Buch darüber. Zag erinnert daran, dass Erzählen eine Form der Kommunikation ist: Dem Publikum wird etwas mitgeteilt – was soll ihm also mitgeteilt werden? Die Frage kann zu Beginn der Ideen- und Stoffentwicklung auch ungenau, »vage, diffus und unausgegoren« beantwortet werden, sollte während der Arbeit aber immer konkreter werden. Für Zag verweist die Erzählabsicht auch auf die Themen des Films – er verwendet Ron Kellermanns Begriffe vom »kognitiven Thema« und vom »emotionalen Thema« nicht, oder Phil Parkers »themes«, die wir im dritten Artikel dieser Reihe kennengelernt haben, aber sie werden sichtbar:

Die Erzählabsicht hat zunächst eine Außenwelt: Jeder Film handelt von einem bestimmten sozialen Milieu, einer gesellschaftlichen Schicht, einer Welt, die es vermutlich so noch nie gab und nie geben wird. Zugleich behandelt aber jede Geschichte auch einen inneren Kern: Welche Werte werden verhandelt? Welche inneren zwischenmenschlichen Qualitäten stehen zur Debatte?
Roland Zag: Dimensionen filmischen Erzählens. Herder, Freiburg im Breisgau 2018, S. 29.

Aus einem Bild eine Geschichte entwickeln

Wir haben jetzt also schon drei Fragen, die wir an unsere Bildidee stellen können: Was reizt uns an ihr? Wird im Bild – oder im Reiz – bereits ein kognitives Thema sichtbar, ein »topic«? Oder ein emotionales, ein theme? In unserem Beispiel des gespaltenen Kirchturms etwa sehe ich ein emotionales Thema, das sich mit Glaube, Vertrauen, und Verrat, Vertrauensverlust, befasst, und/oder mit Versöhnung und Unversöhnlichkeit. Von Parkers themes käme beispielsweise »die schwierige moralische Entscheidung« oder »der Wunsch nach Ordnung« in Frage. Das sind nur Angebote, deshalb ist der Reiz so wichtig: Es stimmt immer nur das Angebot, das unseren Reiz berührt, den spark anfacht. Vom Thema ausgehend können wir, wie im letzten Artikel dargestellt, einen Konflikt entwickeln und Figuren, die nach einer Haltung in diesem Konflikt suchen.

Vielleicht sind Figuren im Bild schon sichtbar: vielleicht betrachten Menschen verzweifelt den brennenden Dachstuhl, zur Tatenlosigkeit gezwungen – auch das ist ein Konflikt. Wir können nach diesen Figuren im Bild fragen: Ist die Figur gerade stark? Ist sie schwach? Erreicht sie, was sie erreichen will, oder hat sie es gerade erreicht? Verliert sie, was sie erreichen will, oder hat sie es gerade verloren? Hat sie Angst und wovor hat sie Angst? Was im Bild ist ihr viel wert? Über diese Fragen können wir unsere Figur besser kennenlernen – wie uns das zu einer Geschichte hilft, habe ich im ersten Artikel dieser Reihe beschrieben. Der Grabstein mit den verwelkten Rosen weist ebenfalls auf eine Figur hin: über sie können wir diese Fragen nicht stellen, aber vielleicht über ihren Tod: Ist sie zufrieden gestorben, weil sie erreicht hatte, was sie erreichen wollte? Hat sie vielleicht durch ihren Tod erreicht, was sie erreichen wollte? Oder hatte sie erst alles verloren und dann auch ihr Leben? Hatte sie Angst, als sie starb?
Ausschlaggebend ist, was unserem Reiz entspricht.
Vielleicht ist auch bereits ein Konflikt im Bild sichtbar. Mein Beispiel des zerschmetterten Bilderrahmens scheint zum Beispiel auf die Austragung eines Konfliktes hinzuweisen. Ein Konflikt heißt: hier wurde gehandelt und gegengehandelt, hier gibt es also Handlung, die wir erzählen können. Handlung ist final, das heißt sie hat ein Ziel, das durch sie erreicht werden soll, sonst wäre sie nicht geschehen. Ist das Ziel also erreicht worden? Ist es ein Zwischenziel auf dem Weg zu einem anderen? Handlung ist auch kausal: sie ergibt sich aus einem Ereignis zuvor, das selbst Handlung war, und hat ein Ereignis zur Konsequenz, das wieder Handlung sein wird – nicht notwendig Handlungen der selben Figur. Nicht immer – im Erzählen sogar sehr selten – stimmen Finalität und Kausalität überein: mit der Handlung wurde anderes bewirkt, als beabsichtigt war. Über solche Kausalketten, wie wir sie im zweiten Teil dieser Artikelserie kennengelernt haben, methodisch durch die Verwendung der Verbindungswörter »therefore« und »but«, »deshalb« und »jedoch«, lässt sich vom Bild auf eine Handlung schließen. Vermutlich auf mehrere sogar – wieder gilt: ausschlaggebend sind immer die, die unserem Reiz entsprechen.

Fazit und Übung

In jeder Bildidee sind schon zahlreiche Hinweise auf die Geschichte vorhanden, die wir darin fühlen, sonst würde uns das Bild nicht derart beschäftigen. Wir müssen nur die richtigen Fragen an das Bild stellen: nach dem, was uns reizt; nach den kognitiven und emotionalen Themen, die wir darin sehen – und die uns reizen; sowie nach den Figuren und den Konflikten, die darin sichtbar werden – und die uns reizen. Denn wie wir aus Themen, aus Figuren und aus Handlung eine Geschichte entwickeln, das wissen wir aus den anderen Teilen dieser Reihe bereits.

Das Entwickeln einer Geschichte aus einem Bild eignet sich besonders gut für kurze Schreibübungen. Sucht euch ein Bild, beispielsweise in Magazinen, nehmt euch eine Stunde Zeit und schreibt drauf los. In einer Stunde könnt ihr kein fertiges Drama entwickeln, versucht es also gar nicht erst. Findet das Thema, den Konflikt oder die Figur, die euch im Bild reizt und verpackt sie in ein paar Absätze Prosa. Und morgen oder in einer Woche probiert ihr es wieder mit einem anderen Bild. Aus diesen Versuchen mag später eine ganze große Geschichte entstehen, oder auch nicht – auf jeden Fall entsteht eine ganze große Geschichte aus Übung. Probiert es aus.

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