Kommentar: Tatort – Die dritte Haut

Es ist interessant. Da war das große Thema des gestrigen Tatorts, Die dritte Haut (Buch: Kathrin Bühlig), Selbstbestimmung – Mieter:innen, die aus ihren Wohnungen geschmissen wurden, ohne Perspektive, in der Stadt, in der sie sich über Jahrzehnte eingerichtet hatten, bleiben zu können – und dann passieren aber die ständigen Nötigungen durch den Kommissar ganz unkommentiert, und die Kommissarin überlegt in einem der letzten Sätze der Folge laut, ob Obdachlose nicht im Gefängnis besser aufgehoben wären.

Der Zeuge sei unter der Dusche, sagt dessen Frau. Kriminalhauptkommissar Karow versteht das als Einladung, platzt ins Badezimmer, befragt dort den Zeugen während des Duschens und nachdem der nackt aus der Dusche getreten ist. Dieser Zeuge ist mit seiner Familie nach einer Räumung gerade in einer Notunterkunft untergekommen: offenbar hat er mit der Wohnung auch seine Privatsphäre verloren. Später im Film wird Karow den selben Zeugen einen ganzen Abend lang während der Arbeit als Busfahrer stalken. Nicht beschatten: Er zeigt sich dem Zeugen, setzt sich in seinen Bus, bleibt auch nach Dienstschluss einfach sitzen bis zum Busdepot, was soll der Zeuge schon dagegen machen. Schließlich erschummelt Karow sich seine DNA-Probe, die der Zeuge zuvor abgelehnt hatte.

Karows Verhalten könnte eine interessante Charakterisierung eines rücksichtslosen, an den – auch juristischen – Grenzen anderer Menschen völlig desinteressierten Ermittlers sein, doch eine solche Charakterisierung funktioniert nur dann, wenn sein Verhalten denn mit dem Verhalten anderer Polizist:innen kontrastiert würde. Das Publikum hat wenig Vergleich, welches polizeiliche Verhalten angemessen ist und welches nicht, ohne eine sichtbare Referenz, ohne einen sichtbaren Kontrast zwischen »normalem« und »charakteristischem« Verhalten, funktioniert aber eine Charakterisierung nicht. Im Gegenteil: Dass Karows Kolleg:innen, insbesondere die bei der geschilderten Zeugenbefragung anwesende Kriminalhauptkommissarin Rubin, sein Verhalten nicht irritiert, sie nicht mal zu einem Blick oder einer Bemerkung provoziert, normalisiert sein Verhalten.

(Immerhin: Die eigenen Grenzen können die Polizist:innen noch ganz gut verteidigen. Ein Polizist lehnt Karows Aufforderung, doch über Dienstschluss hinaus am Fall zu arbeiten, vehement ab. Eine Polizistin hat wegen zu vieler Überstunden gekündigt. Aber selbst bis zu den Kolleg:innen reicht die Solidarität dann schon nicht mehr. Als Karow einen Polizisten anbrüllt, reagiert niemand.)

Zum Schluss ist die Täterin gefunden und gefasst. Karows Nötigungen haben dazu nichts beigetragen. (Nicht, dass ein Erfolg sein Verhalten weniger problematisch machen würde, aber immerhin verfällt damit das beliebte Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Argument – darauf weist Karow aber auch niemand hin.) Doch als Kriminalhauptkomissarin Rubin mit Karow allein ist, überlegt sie laut, die Tat doch einem anderen Verdächtigen anzuhängen, einem Obdachlosen. Die Kinder der Täterin hätten damit immerhin noch eine anwesende (Mörderin zur) Mutter, und der Obdachlose »ein Dach über dem Kopf und Struktur im Leben«. Als Polizistin müsste sie es besser wissen.

Als Polizistin müsste sie wissen, dass die totale Enteignung und Entmündigung eines Menschen, wie sie im Gefängnis geschieht, kein Dach-über-dem-Kopf, kein Zuhause sein kann, weil ein Zuhause sich über Selbstbestimmung definiert. Die Wortwahl ist dabei ganz interessant: Im Mittelalter bestimmte gerade das Dach die Unverletzlichkeit der eigenen Wohnung, deswegen »stieg man jemandem aufs Dach« und deckte es ab, wenn man dieses Recht außer Kraft setzen wollte. Und während ein Gefängnis zwar maximale »Struktur im Leben« bieten mag, trainiert es den Häftlingen damit bloß ab, sich selbst Struktur zu geben, verkrüppelt sie zusätzlich für ein Leben danach. Von der zynischen Idee einen trockenen Alkoholiker ins Gefängnis zu stecken, damit es ihm dort zwischen dem großen Drogenangebot und den anderen Abhängigen besser geht, mal ganz abgesehen.

Vielleicht ist das auch bloß Charakterisierung. Vielleicht empfiehlt Rubin ja üblicherweise einsamen Menschen toxische Beziehungen, immerhin gibts da manchmal doch Nähe und Wärme. Aber ohne Referenz und Kontrast lässt sich das wieder kaum bewerten. Die dritte Haut heißt dieser Tatort, was ein interessanter Gedanke ist: So als wäre ein Eingriff in das Wohnen auch immer ein Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung. Und passenderweise ist auch die eigentliche körperliche Selbstbestimmung, die der ersten Haut, Thema der Folge. Wenn aber auf »ziviler« Täter-, Opfer- und Zeugenseite solche Eingriffe diskutiert werden, auf polizeilicher Seite aber stumm normalisiert werden, erzählt dieser Film am eigenen Thema vorbei.

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