Im Auge der Betrachteten – Wie wir Filme und Serien mit den Augen ihrer Protagonist*innen sehen

Früher hatte man eine Lieblingsserie. Man hatte seine Serie. Aber das ist lange vorbei. Heute ziehen wir uns beim Frühstück eine Folge Modern Family rein, bingen wir am Wochenende den aktuellen Netflix-Hit, nehmen uns Zeit für einen gepflegten Breaking Bad-Rewatch, gehen Samstags ins Kino um den neuen Nolan zu sehen und freuen und am Sonntag Abend auf den ritualisierten Tatort. Manchmal bleibt unter der Woche auch noch Zeit für einen Abstecher zu der linearen Soap, die uns seit Jahren begleitet. So viele, so unterschiedliche Geschichten und Held*innen – und wir fiebern mit jede*r auf ganz eigene Weise mit. Wir erkunden die unendlichen Weiten des Weltraums, deduzieren knifflige Kriminalfälle und reiben uns zwischen Familie, Karriere, düsteren Geheimnissen – und manchmal noch der Rettung der Welt – auf.

Von Katrin Ühlein und Dr. Niklas Gebele. Katrin Ühlein ist ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in eigener Praxis, Dozentin und Autorin von Kurzgeschichten, unter anderem über psychiatrische und psychologische Themen.

Ob wir eine Geschichte interessant finden und ihr weiter folgen wollen, hängt maßgeblich davon ab, ob wir uns mit einer oder mehreren Figuren identifizieren können. Identifikation meint dabei das Erleben einer tendenziell positiven Verbundenheit mit der Figur, basierend auf dem Gefühl, ihre Emotionen und Gedanken, ihre Ziele und Konflikte, nachempfinden zu können. Psychologische Studien geben Hinweise darauf, dass wir uns v.a. mit Charakteren identifizieren, in denen wir Ähnlichkeiten dazu erkennen, wie wir uns selbst sehen und wie wir selbst gerne sein würden. Ein besonders hohes Identifikationspotential bieten wohl Figuren, die beides verkörpern: Selbstbild und Ideal-Selbstbild. Ein dritter Faktor ist die Möglichkeit zur Ersatzbefriedigung: Wir genießen es, wenn Figuren verbotene oder unmoralische Impulse ausleben, die wir uns selbst untersagen, weil wir die Konsequenzen fürchten.
Identifikation ist Einfühlung in die Figur, innerhalb der Handlung, der Lebenswelt.
Dieses gängige Verständnis von Identifikation bezieht sich immer darauf, dass wir als Zuschauer*innen die Gefühle und Gedanken einer Figur innerhalb der fiktiven Handlung, also in der Lebensumwelt der Figur, nachempfinden und teilen. So erschrecken wir uns, wenn bei Psycho der Schatten am Duschvorhang erscheint, oder weinen, wenn Leonardo DiCaprio im Nordatlantik versinkt.

Bezüglich der Auswirkungen dieser Identifikationseffekte auf das Leben der Rezipient*innen, teilt sich die Wissenschaft in zwei Lager: Die kritische Sichtweise fokussiert, ausgehend von der sog. Eskapismus-These (Katz & Foulkes, 1962) auf das Risiko eskapistisch-vermeidender Effekte. Ein Mangel an befriedigenden realen Erfahrungen kann notdürftig mit trivialen Unterhaltungsangeboten kompensiert werden und so die Motivation hinsichtlich der eigentlich notwendigen Veränderungen im eigenen Leben untergraben. Insbesondere dann, wenn durch die fiktionalen Darstellungen zudem noch die Erwartungen an das eigene Leben unrealistisch überhöht und somit erst recht als unerreichbar erlebt werden (Kepplinger, 2010). Dem entgegen steht die ressourcenorientierte Sichtweise, die auf die emotional unterstützende und selbstwertstabilisierende Funktion parasozialer Beziehungen zu fiktionalen Figuren (Derrick et al., 2008, 2009), sowie auf mögliche positive Übertragungseffekte der in der Identifikation entstehenden Gefühle und Einsichten auf das eigenen Leben, verweist (Busch & Scarlett, 2016; Gebele, 2019). Die amerikanische Psychotherapeutin Janina Scarlet hat sogar mehrere auf popkulturellen Narrativen basierende Selbsthilfebücher herausgebracht, mit denen sie einen niederschwelligen und attraktiven Zugang zur Konfrontation und Beschäftigung mit persönlichen psychischen Problemen schafft. Darunter Harry Potter Therapy (Scarlet, 2017), in dem anhand zahlreicher Beispiele und Metaphern aus den Harry Potter-Büchern und -Filmen, Grundlagen und einfache Selbsthilfetechniken wie Akzeptanz, Werteorientierung und Selbstmitgefühl vermittelt werden.

Wie immer man sich hier positionieren mag, Identifikation wird in diesem Diskurs, wie beschrieben, als Einfühlung in die Figur, innerhalb der Handlung, also von deren Lebenswelt, verstanden.
»We don´t see things as they are, we see them as we are.«
Doch was ist mit dem Blick auf diese Lebenswelt, also das Werk selbst? Sicher ist dieser nicht objektiv, in dem Sinne, dass jede*r Zuschauer*in denselben Film/dieselbe Serie sieht. Verbreitet ist hier die Annahme einer subjektiven, also von den Eigenschaften, Sozialisationen, Vorerfahrungen und Neigungen des zuschauenden Individuums geprägten, Rezeptionserfahrung: We don´t see things as they are, we see them as we are. Dieses Wir, bzw. Ich, ist dabei sicher keine konstante Größe, sondern wird in jeder Situation, also bei jeder Rezeption, von aktuellen Stimmungen, Umgebungsbedingungen, Entwicklungsstadien mitgestaltet.

Wir haben hier also zwei Ebenen der Betrachtung, zwei Blickrichtungen: Der Blick auf die Handlung, durch die Augen der Figuren. Und der Blick auf das Werk, durch die, sowohl von objektivem Wissen, als auch von subjektivem Empfinden geprägten, Augen der Zuschauer*in.

Diesen beiden Ebenen möchten wir eine dritte, sozusagen ein drittes Auge, hinzufügen, das bislang, unserem Wissen nach, wenig Beachtung findet: Den Blick auf das Werk selbst, aus den Augen der Figur. Natürlich kann dieser, da die Figur nicht aus dem Werk heraustreten kann, nur durch die Augen der mit der Figur identifizierten Rezipient*in erfolgen. Die Figur betrachtet also durch unsere Augen das Werk, dessen Teil sie selbst ist.
Die Figur betrachtet durch unsere Augen das Werk, dessen Teil sie selbst ist.
Ein Beispiel? Ein- und dieselbe Zuschauer*in betrachtet die Netflix-Serie Atypical (geschrieben von Robia Rashid) und der neuen Kinofilm Tenet von Christopher Nolan an ein- und demselben Tag ganz unterschiedlich. Bei Atypical geht es um einen adoleszenten Autisten, der immer wieder kommentierend über sein Leben berichtet, während er in einem nicht weiter definierbaren Raum auf einem Stuhl sitzt und in die Kamera – mutmaßlich zu einem an deren Stelle sitzenden Gegenüber – spricht. Sams Alltag läuft in großen Teilen ähnlich wie bei anderen jungen Männern ab, dennoch haben Rituale für ihn eine große Bedeutung, die Tagesstrukturen müssen gleich sein oder zumindest Sinn ergeben. Sein Leben ist logisch, geordnet und damit oft unweigerlich komisch, da die übrige Welt ja oft leider chaotisch ist.

Während Sam in der 1. Staffel ganz klar bei seiner Therapeutin sitzt und über sein Leben erzählt, die Therapeutin also vermutlich die Position der Kamera bzw. der Zuschauer*in einnimmt, so berichtet er in Staffel 2 und 3 weiterhin in die Kamera. Aber wo sitzt er nun? Seine Therapeutin war ja bei ihm in Ungnade gefallen, oder er bei ihr. So ganz klar ist das nicht. Auf jeden Fall wurde das therapeutische Arbeitsbündnis aufgekündigt. Es ist schwierig die Serie zu sehen ohne das mulmige Gefühl »das passt jetzt nicht«, »Irgendwie unlogisch«, »Wo, wann und wem erzählt er das alles«. Neurotisch versuchen wir, Antworten zu assoziieren, in Zeitlupe den Hintergrund zu scannen, um Hinweise zu bekommen oder die zwanghaft die Auflösung in Staffel 4 herbei zu imaginieren, die das Geheimnis endlich lüftet. Eines jedoch scheint unvorstellbar, fühlt sich falsch und inakzeptabel an: Dass es sich einfach um ein innerhalb der Handlung unlogisches, nicht näher begründ- und verstehbares erzählerisches Stilmittel handelt. Immerhin hat Robia Rashid ja auch die Serie How I met your mother kreiert und produziert. Auch dort erzählt ein Familienvater den Teenager-Kindern, wie er ihre Mutter kennenlernte in so vielen Details, dass sich die Serie auf 9 Staffeln streckt. Er sitzt dabei auf der immer selben Couch und ja, es ergibt Sinn und ist ein völlig in sich folgerichtiges Konzept. So gehört sich das!

Ein Versuch den Kopf wieder frei zu bekommen, wäre ein Kinobesuch, um sich von SciFi und moderner Physik beeindrucken zu lassen. Tenet – mit gewaltigen Bildern, faszinierenden Aufnahmen und einer tollen Story, die allerdings keinen Sinn ergibt und voll von logischen Fehlschlüssen ist. Mit dem großen Unterschied, dass es hier nicht stört. Unsere Zuschauer*in lehnt sich zurück, isst ihre Nachos und genießt. Der Film lebt von schnellen Bildern, einer emotionalen Geschichte und mit großer Sicherheit leidet keiner der Protagonisten an einer Zwangsneurose oder zeigt Merkmale eines Asperger-Syndroms (was eigentlich schade ist, denn es hätte dem Film zu mehr psychologischer Tiefe verholfen).
Unser Autor liebt Casablanca mit derselben Melancholie, mit der Rick Ilsa liebt.
Die Identifizierung unserer Rezipient*in mit Sam scheint so stark zu sein, dass sie die Serie nicht mehr nur mit ihren Augen sieht, sondern auch mit seinen. Mit den Augen eines jungen Autisten, der es nicht versteht, wenn eine Handlung nicht logisch aufgebaut ist, ein Element sich nicht schlüssig einfügen will. Während bei Tenet die Identifikation mit… ähhh, Name vergessen (ist irgendwie auch nicht so wichtig), weit weniger stark ist und eher die schnelle Action und die starken Bilder auf die Neurone der im Kinosessel sitzenden Rezipient*in selbst wirken.

Oder was ist mir Star Wars? Sicher, Jar Jar Binks ist eine nervige und unwürdig alberne Figur. Aber ist der blanke, unversöhnliche Hass, den er in Teilen des Fandoms auf sich und damit sogar auf die gesamte Trilogie zieht, wirklich noch als filmkritischer Diskurs zu betrachten? Oder handelt es sich dabei vielleicht schon um eine Manifestation der unversöhnlichen Hell-Dunkel-Dichotomie, welcher die Charaktere der Filme unterliegen. Es scheint, als stünden auch Teile des Fandoms den Figuren und einzelnen Filmen der Saga entweder mit der unverbrüchlichen, stoischen Akzeptanz der Jedi, oder aber dem abgrundtiefen, leidenschaftlichen Hass der Sith gegenüber. Ein wahrhaft bitteres Beispiel hierfür ist der Charakter Rose aus Episode VIII. Traurig genug, dass so viele Fans offenbar mit einem weiblichen Charakter, der nicht ganz dem gängigen Schönheitsideal entspricht, überfordert sind. Aber die sexistischen und rassistischen Entgleisungen, die nicht nur der Rolle, sondern auch der Schauspielerin und dem verantwortlichen Regisseur und Autor entgegenschlugen, stehen in so massivem Widerspruch zu der von Friedfertigkeit und Diversität geprägten Grundhaltung von Star Wars, dass sie nur noch als sith-artiger Hass auf alles andersartige und die eigene Sichtweise infrage stellende zu verstehen zu sein scheinen.

Unser Autor liebt Casablanca. Seit er ihn vor 20 Jahren zum ersten Mal gesehen hat, ist er sein Lieblingsfilm, ohne dass er rational erklären könnte, was ihn besser machen würde, als die vielen anderen großartige Filme, die er davor und danach gesehen hat. Er liebt ihn seither und für immer, so wie Ilsa und Rick sich lieben. Mit Rick ist er als Zuschauer identifiziert. Aber er liebt nicht Ilsa (oder Louis – na gut, Louis ein Bisschen), ist also nicht innerhalb der Handlung in Identifikation mit Rick verliebt, sondern außerhalb der Handlung in seiner Eigenschaft als Zuschauer. Er liebt Casablanca mit derselben schmachtenden Melancholie, mit der Rick Ilsa liebt.
So sehr sich unsere Autorin persönlich weiterentwickelt hat, bleibt sie GZSZ doch im tiefsten Inneren loyal verbunden.
Unsere Autorin, die seit ihrer Jugend Gute Zeiten, schlechte Zeiten schaut, weiß ähnliches über die Daily Soap zu berichten: Natürlich hat sie nicht alle über 7000 Folgen gesehen – wer hat das schon? Passt die lineare Sendezeit nicht in den Tagesablauf wird einfach ausgesetzt und einige Wochen später wieder neu in das Seriengeschehen eingestiegen. Egal wie viel bis dahin passiert sein mag, man wird den Überblick behalten, da die Figuren die wichtigen Ereignisse bei Gesprächen stets erneut wiederholen, so dass jede Folge gleichzeitig ein kleiner Rückblick ist. So sehr sich die reale Rezipientin persönlich weiterentwickelt hat, ihre Interessen, Sehgewohnheiten und Tagesstruktur vielleicht nicht mehr zu Gute Zeiten, schlechte Zeiten passen, bleibt sie der Serie doch im tiefsten Inneren loyal verbunden, wie einer peinlichen, aber doch irgendwie liebenswerten Wahlverwandten. Spiegeln sich hierin die inzestuös-klebrige Bindungsmuster der Protagonist*innen, die trotz Kindesentführung, Untreue, Verleumdung, Unterschlagung und Mord immer wieder und in immer neuen, teils absurden Konstellationen, mitunter ungeahnten Verwandtschaftsverhältnissen, zusammengebracht und -gehalten werden? Richtet sich hier einfach nur der Plot nach den Bedürfnissen des Publikums, oder färbt auch das Beziehungsleben der Charaktere auf die Sichtweise des Publikums ab? Henne oder Ei…?

Und es geht noch weiter. Das Auge der Betrachteten bleibt noch nicht einmal auf die Ebene der Betrachtung (des Werks) beschränkt. Es ist möglich einen weiteren Schritt zurückzugehen, während man die Brille seiner Film- oder Serienheldin aufbehält, wie ein Klick auf das englischsprachige Selbsthilfeforum themighty.com zeigt, wo Betroffene regelmäßig über die bestärkende, ermutigende, tröstende und einsichtsfördernde Wirkung popkultureller Narrative, wie z.B. Harry Potter, Star Wars oder der jeweils aktuellen Netflix-Serie schreiben, sich aber auch kritisch mit der Darstellung chronischer, v.a. psychischer Erkrankungen in zeitgenössischen Medien befassen. So vergleicht ein User die seelenaussaugenden Dementoren aus Harry Potter mit seiner depressiven Störung, die ihn sich, wie die Dementoren „kalt und taub fühlen lässt und alle Fröhlichkeit aus der Welt saugt“, beschreibt aber auch, wie die Harry Potter-Filme ihn dabei ermutigt hätten, ebenso wie der Zauberschüler immer wieder gegen seinen großen Gegner Lord Voldemort antreten muss, immer wieder aufs Neue gegen die Depression zu kämpfen: »Eine Depression ist nichts was man leicht loswird, genau wie Voldemort«. Eine andere Userin lobt die Serie Bojack Horseman (USA, 2014) dafür, ihr geholfen zu haben, die Gewichtszunahme im Rahmen einer wirksamen antidepressiven Medikation zu akzeptieren, so wie es der Serien-Charakter Diane getan habe.

»Man muss nur lange genug in einen Abgrund blicken, dann blickt dieser auch in uns hinein«. Ein Zitat des großen Philosophen Fox Mulder. Oder war es Friedrich Nietzsche…? Vielleicht ist es mit fiktiven Held*innen genauso. Je länger wir sie anblicken, desto mehr beobachten sie uns und beeinflussen unsere Sichtweise auf sich, uns und das Leben auf die ein oder andere Weise. Wer weiß das schon? Bestimmt ist die Wahrheit tatsächlich irgendwo da draußen. Jenseits der Bildschirme. In den Augen der Betrachteten.

Literatur

  • Busch, J. & Scarlet, J. (2016). The Stark Sisters: On Trauma and Posttraumatic Growth. In Langley, T. (Hrsg.): Game of Thrones Psychology (S. 49-59). New York: Sterling.
  • Gebele, N. (2019). Zum Arbeiten mit populären Narrativen in der Psychotherapie: Es gibt nur einen Gott – und sein Name ist Tod. Psychotherapeutenjournal, 18, 1, 17-23.
  • Derrick, J.L., Gabriel, S., Hugenberg, K. (2009). Social surrogacy: How favored television programs provide the experience of belonging. Journal of Experimental Social Psychology, 45, 352-362.
  • Derrick, J. L., Gabriel, S. & Tippin, B. (2008). Parasocial relationships and self-discrepancies: Faux relationships have benefits for low self-esteem individuals. Personal Relationships, 15, 2, 261-280.
  • Katz, E. & Foulkes, D. (1962). On the Use of Mass Media as “Escape”: Clarification of a Concept. The Public Opinion Quarterly, 26, 3, 377-388.
  • Kepplinger H.M. (2010) Identifikation mit Fernsehfiguren. In: Kepplinger H.M.: Medieneffekte (69-83). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Ein Kommentar

  1. Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

    17. November 2020

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