Theorie tl;dr: Über das Unterbewusste

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute aus Die Archetypen und das kollektive Unbewußte von C. G. Jung.

In 50 Worten (Was ist das?): Um sich aus seiner Hilflosigkeit zu retten, muss der Mensch sie sich zunächst eingestehen, sie erkennen, um sich dann für Rat zu öffnen, den er finden wird, wenn er sich selbst kennenlernt. Doch das verlangt Mut: Im Unbewussten wird der Mensch mit sich selbst konfrontiert, er muss seinen Schatten akzeptieren.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

#Jung: »Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst.« Im #Unbewussten begegnet der #Mensch #Schatten und #Hilflosigkeit. — filmschreiben.de (@filmschreiben) 24. März 2018

Die Erkenntnis: Wer Videospiele spielt, kennt derartige Quests: Ich will ein Problem lösen, dafür brauche ich X. Hier: einen Rat. Ich will X, dafür brauche ich Y, hier: Die Begegnung mit mir selbst. Ich will Y, dafür brauche ich aber Z, die Öffnung für Eingebungen aus dem Unbewussten. Ich will Z, dafür brauche ich aber das Eingeständnis meiner Hilflosigkeit. Das ist aus persönlicher Sicht viel zu anstrengend, aus dramaturgischer Sicht aber herzlich willkommen: Es sind die Schritte des zweiten Wendepunkts, der Übergang vom zweiten in den dritten Akt der Dreiaktstruktur (und der Protagonist hat sich gefälligst anzustrengen).

Im Unbewussten finden wir uns, sein »Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut«, und es ist ein anderes Bild, als die Maske dir wir uns und der Welt gerne zeigen (und nach der etwa Laurie Hutzler auch in ihrem Character Mapping fragt). Es ist der Schatten, der hinter der Maske liegt, all das, was wir nicht von uns zeigen und wissen wollen: »In den Kammern des Herzens wohnen die schlimmen Blutgeister, rascher Zorn und sinnliche Schwäche. So sieht das Unbewußte aus, wenn vom Bewußtsein betrachtet.« Jung schreibt auch, »die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.«

Das Zitat:

Man muß es sich schon zugestehen: es gibt Probleme, die man mit den eigenen Mitteln schlechthin nicht lösen kann. Ein solches Eingeständnis hat den Vorteil der Ehrlichkeit, der Wahrheit und der Wirklichkeit, und damit ist der Grund gelegt für eine kompensatorische Reaktion des kollektiven Unbewußten, das heißt man ist jetzt geneigt, einem hilfreichen Einfall Gehör zu schenken oder Gedanken wahrzunehmen, die man vordem nicht zu Worte kommen ließ.

Von besonderem Interesse ist vielleicht, dass Jung dem Ganzen auch ein Bild gibt, fast, als wäre ihm klar, welchen Gefallen er damit Drehbuchautoren des 21. Jahrhunderts tut. Das Bild ist: Wasser. »Der Schatten ist […] ein Engpaß, ein schmales Tor, dessen peinliche Enge keinem, der in den tiefen Brunnen hinuntersteigt, erspart bleibt.«, »der See im Tale ist das Unbewußte […]. Wasser heißt […]: Geist, der unbewußt geworden ist.« Und auch dieses Hinabsteigen verbindet Jung, ähnlich wie der Dramaturg, mit dem Tod: »Es ist die Welt des Wassers, in der alles Lebendige suspendiert schwebt, […] wo ich untrennbar dieses und jenes bin.« Und: »Wer ins Wasser schaut, sieht zwar sein eigenes Bild, aber dahinter tauchen bald lebendige Wesen auf […] – harmlos, wenn der See nicht für viele gespenstisch wäre.«

Das letzte Wort:

Die Hilflosigkeit und die Schwäche sind das ewige Erlebnis und die ewige Frage der Menschheit, und darauf gibt es auch eine ewige Antwort, sonst wäre der Mensch schon zugrunde gegangen.

Carl Gustav Jung: Die Archetypen und das kollektive Unbewußte. Lag mir vor als dicker Wälzer, Herausgeber: Lilly Jung-Merker, Dr. phil Elisabeth Rüf. Walter-Verlag Olten und Freiburg im Breisgau, 1976, 4. Auflage 1980. Im Internet ist es nicht zu finden, dafür müssen wir uns noch bis 2031 gedulden. Wer sich an meinem nachlässigen Wortspiel im Titel stört: Jung selbst erklärt das Unterbewusste zum schlechteren Synonym. Zum Weiterlesen sei das Theorie tl;dr über Machtlosigkeit und mein Artikel über die Dramaturgie von Opfergeschichten im aktuellen Wendepunkt (PDF), der demnächst auch hier erscheint, empfohlen.

We can cover that by a line of dialogue...

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