Veränderung im Drama und in der Politik

Die zwei wichtigsten politischen Parteien in Deutschland wollen sich verändern. Wie kann das funktionieren? Bei der Beantwortung solch einer schwierigen Frage kommt der ständige Blick dieses Blogs ins Geschichtenerzählen vielleicht an seine Grenzen. Vielleicht kann er aber auch weiterhelfen, denn Drama ist immer ein Drama um Veränderung. Dramaturgie und Storytelling zeigen uns, wie diese Veränderung in der Erzählung funktioniert und wie sie durch die Erzählung kommuniziert werden kann. Es ist den Versuch wert, diese Funktionsweisen auf so reale und so große Veränderungen zu beziehen, wie die derzeitigen in der Politik.

Die Veränderung der Figur im Drama, die sogenannte Charakterentwicklung, findet am Ende des zweiten Aktes statt. Nach Erreichen eines vermeintlichen Hochpunktes erkennt die Figur wie falsch dieser Erfolg doch war. Diese Erkenntnis stürzt sie in die Verzweiflung, den Tiefpunkt der Erzählung. Die Figur hat all ihre Kräfte erschöpft, doch sie haben sie nicht ins Gute, sondern in die Irre geführt. Eine ausweglose Situation, eine hilflose Figur: Aporie und Amechanie. Oft ist der Moment mit dem Tod assoziiert. Der Figur bleibt nur die Klage, und während sie in der Antike vor den Göttern klagte, klagt sie in modernen Geschichten bei der Figur, die ihr emotional am Nächsten ist. Hier sensibilisiert sie sich: für die Götter, für die Welt, für das Menschliche, für sich selbst. Die tatsächliche oder metaphorische Wunde, die die Erkenntnis der Figur zugefügt hat, wird zu einer Öffnung für eine Eingebung, eine Inspiration. Hier findet die zweite Erkenntnis statt: darüber, was richtig ist. Sie ist die Saat für eine Entscheidung, noch einmal zu handeln. Nachdem der Hochpunkt ein falscher Hochpunkt war, kann die Figur auch aus dem Tiefpunkt einen falschen Tiefpunkt machen.
Die Figur hat ihren Karren mit voller Kraft vor eine Wand gefahren.
Bei SPD, CDU und CSU ist weder solch ein Hoch- noch solch ein Tiefpunkt erreicht. Bei all den sinkenden Umfragewerten und ausbleibenden Wählerstimmen muss noch viel passieren, bevor man ehrlich von einer Ausweglosigkeit sprechen könnte. Hilflosigkeit ist ob der Verluste allerdings allerorts zu beobachten, etwa im Umgang der CSU mit der AfD im Wahlkampf in Bayern. Erfahrungen mit falschen Triumphen sind zumindest vorhanden, etwa beim sogenannten Schulzzug 2017, der bei der SPD offenbar zu viel Vorsicht im Umgang mit den eigenen politischen Erfolgen geführt hat. Ein falscher Hochpunkt lässt sich vielleicht bei dem aktuellen Jubel der Grünen beobachten. Ein falscher Hochpunkt für die CDU könnte noch der Rücktritt Merkels werden: Die Erleichterung, sich nicht mehr mit der umstrittenen Person auseinandersetzen zu müssen, kann schnell zu dem Gefühl führen, man müsse sich auch nicht mehr den betreffenden politischen Fragen widmen.

Die Frage nach der Veränderung stellt sich also (momentan noch) anders als im Drama. Es geht nicht so sehr darum, wie eine Veränderung aus dem Tiefpunkt führt, sondern, wie eine Veränderung einen falschen Hochpunkt und den folgenden Tiefpunkt verhindern kann. Was führt also im Drama in den falschen Hochpunkt und den Tiefpunkt? Die Erkenntnis vor dem Tiefpunkt, die Anagnorisis, wird als ein Umschlag von Verkennen in Erkennen beschrieben. Es ist ihr Verkennen, das die Figur zum falschen Hochpunkt leitet; es ist ihr Erkennen dieses Fehlers, das sie in den Tiefpunkt führt. Entsteht die Entscheidung nach dem Tiefpunkt aus einer Sensibilisierung und Öffnung für neue Möglichkeiten, entstand die Entscheidung, die zum falschen Hochpunkt führte, aus Ignoranz und einer engen Festlegung auf einen (oft bereits bekannten) Weg. Die erste Entscheidung ist eine mutige, weil sie überhaupt eine Entscheidung für eine Handlung ist, die zweite ist die mutigere, weil sie eine Entscheidung für eine bisher unerprobte Handlung, und daher mit Ängsten aufgeladen ist.

Die Antwort auf die Frage, wie Veränderung funktionieren kann, ist also eigentlich äußerst simpel: Sensibilität statt Ignoranz, Öffnung statt Verschlossenheit. In einem Artikel für die Zeitschrift Wendepunkt formulierte ich den Blick der Figur auf ihr Ziel als ein Blick entlang von Scheuklappen auf einen Weg, der auf einen Fluchtpunkt in der Ferne hinzuführen scheint. Hat die Figur jedoch diesen Punkt endlich erreicht, stellt sich heraus, dass er kein Fluchtpunkt, sondern tatsächlich das Ende des Weges ist. Die Figur hat ihren Karren mit voller Kraft vor eine Wand gefahren: das ist die Aporie. Wir kennen solch eine Verschlossenheit durch Konzentration auf ein Ziel aus unserem eigenen Verhalten; bei Hunden und Kleinkindern ist das Phänomen so stark, dass sie an Hindernissen nicht vorbeikommen, wenn sie dafür kurz ihr Ziel aus den Augen verlieren müssten um sich zu orientieren.
Wenn die Figur weiß, wie sie ihr Ziel erreicht, verschließt sie sich.
So allgemein, wie die Antwort ausfällt, so wenig hilfreich ist sie auch. Sensibilität statt Ignoranz, Öffnung statt Verschlossenheit. Welche Sensibilität, bzw. welche Offenheit für wen oder was muss die Figur – in unserem Fall die Partei – zeigen? Welche Ignoranz für wen oder was, bzw. welche Verschlossenheit vor wem oder was muss die Figur – die Partei – überwinden? Außerdem: Die Einsicht in einen eigenen Fehler ist deutlich einfacher, wenn er schon nachweislich in eine Katastrophe geführt hat, wie bei falschem Hochpunkt und Tiefpunkt im Drama. Wie soll man das eigene Verkennen erkennen, wenn es sich noch nicht von selbst als solches entlarvt hat? Und noch viel schwieriger: Wie soll man anderen diese Erkenntnis verständlich machen, wenn der Beweis, das Scheitern, glücklicherweise noch fehlt – denn eine Partei trifft Entscheidungen über den Weg ja gemeinsam und durch Kommunikation.

Beim Verständnis der möglichen eigenen Ignoranzen und Verschlossenheiten und damit bei der Katastrophenprävention kann das Character Mapping von Dramaturgin Laurie Hutzler helfen. Hutzler stellt sechs Fragen an die dramatische Figur: Nach ihrer Maske, ihrer Angst, ihren Stärken, ihrem Idol und Ideal, ihren Schwächen, und ihrem Schatten. Vereinfacht: Die Schwächen der Figur drohen eine Konfrontation mit der Angst zu provozieren; diese Angst hält die Figur jedoch unter ihrer Maske verborgen, die sie mithilfe ihrer Stärken aufrecht erhält. Besiegt die Figur ihre Angst wird sie wie ihr Idol, besiegt die Angst die Figur, wird die Figur zu ihrem Schatten. Es sind die Stärken der Figur (diejenigen Eigenschaften, auf die sie sich auch in Krisen verlassen kann), die sie zum falschen Hochpunkt geführt haben. Es sind die Schwächen der Figur (diejenigen Eigenschaften, die sie auch bei Erfolg in Schwierigkeiten bringen können), die stets auf eine Auseinandersetzung mit der Angst anstatt ihrer Unterdrückung drängten.

Die zuvor beschriebene Verschlossenheit in der Konzentration auf das Ziel geschieht entlang der bei Hutzler erfragten Stärken der Figur: Wenn die Figur überzeugt ist zu wissen, wie sie ihr Ziel erreichen kann, dann verschließt sie sich anderen Möglichkeiten. Das ist verständlich, denn diese anderen Möglichkeiten, die andere Fähigkeiten verlangen, fallen ihr schwerer als das Handeln entlang der Stärken, die sie sowieso schon hat. Die Erkenntnis ist damit auch eine Erkenntnis darüber, dass die eigenen Stärken auch Schwächen sein können, wenn sie die Auseinandersetzung mit alternativen Möglichkeiten verhindern. Die Verzweiflung der Figur im Tiefpunkt ist auch eine Verzweiflung darüber, dass die Figur keine Stärken mehr hat. Die Inspiration ist dann die Idee, dass sie auch andere Stärken haben könnte. Hier findet die Charakterentwicklung, die Veränderung der Figur statt.
Eine Figur, die auszog um sich zu verändern und sich dann veränderte.
Es ist kein Zufall, dass es im Drama erst den Tiefpunkt braucht, damit sich die Figur verändert. Sie wird im ersten Akt in eine ständige Krise geworfen, und in einer solchen Krise verlassen wir uns nun mal gern auf das Bewährte, das dadurch vermeintlich Sichere, auf unsere erprobten Stärken. Es gibt vielleicht viel zu gewinnen, aber vor allem viel zu verlieren. Wir verschließen uns, konzentrieren uns auf das, was wir kennen, statt uns neuen, anderen Möglichkeiten zu öffnen, die immer auch ein Experiment sind, und Mut erfordern – ausgerechnet in den Momenten in denen wir viel Angst haben. (Aber das ist nun mal Mut.) In solchen Krisen, das lässt sich wohl ohne Übertreibung sagen, befinden sich CDU und SPD. Dass die Wahl der CSU auf die Freien Wähler als künftiger Koalitionspartner gefallen ist, ließe sich beispielsweise als eine solche Entscheidung entlang der eigenen Stärken und weit weg von der Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen oder der eigenen Angst deuten.

Wollte die dramatische Figur sich schon vor dem Tiefpunkt verändern, sie müsste ihre Stärken auf den Prüfstand stellen, den lärmenden Hinweisen ihrer Schwächen zu ihrer Angst folgen und sich mit ihnen und ihr auseinandersetzen. Warum ist die schwarze Null eine Stärke, auf die ich mich so gern verlasse, und warum tue ich das? Was sind meine Schwächen, die mich ständig in Schwierigkeiten bringen, selbst wenn ich Mindestlohn und gute Kitas durchgesetzt habe? Was ist meine größte Angst und was hat die AfD damit zu tun? Sollte die dramatische Figur sich gleich zu Anfang diesen Fragen stellen, wäre das Ergebnis wohl wenig dramatisch und kaum einer Erzählung wert: Eine Figur, die auszog um sich zu verändern und sich dann veränderte. Aber ich kann mir vorstellen, dass sowohl SPD als auch CDU und CSU eine Veränderung ohne Katastrophe und Verzweiflung der Alternative, dem Drama, vorziehen würden.

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