Theorie tl;dr: Über gesellschaftliche Relevanz

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute der Essay „Return to Sender? Kulturelle und politische Adaptionsprozesse von Identität made in Hollywood“ von Anja Peltzer aus Perspektiven der Filmsoziologie.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Anja Peltzer: Hollywood beeinflusst und bestätigt unser persönliches und gesellschaftliches Selbstverständnis – aus wirtschaftlichem Kalkül.— Arno (@filmschreiben) 8. Juli 2015

In 50 Worten (Was ist das?): Hollywoodfilme, Vermittler & Archivare ihres gesellschaftlichen Kontextes, ihre Ästhetiken & Narrationen hinterlassen einen semiotischen Fingerabdruck auf unseren alltäglichen politischen, sozialen, kulturellen, identitären Prozessen, durch die Integration der fiktionalen Zeichen Hollywoods in das kollektive Gedächtnis, kommunikative Zeichenrepertoire & die sozio-reale Lebenswelt öffentlicher, transnationaler, industrialisierter, mediatisierter Gegenwartsgesellschaften & die wiederkehrende Bestätigung derart global etablierter sozio-kultureller Muster.

Geschummelt, mit den &-Zeichen. Ach, und etwas unverständlich? Noch ein Versuch:

In 50 Worten: Hollywoodfilme nehmen Einfluss auf uns, unseren Alltag und unsere Kommunikation. Das gilt zum einen für ihre Filmsprache, die in anderen (audio-) visuellen kulturellen und zum Beispiel politischen Kontexten wiederaufgegriffen wird. Zum anderen für ihren Inhalt und die durch Inhalt getroffenen Aussagen über Gesellschaft und Identität, die gesellschaftliches Selbstverständnis bestätigen sollen.

Die Erkenntnis: 1.) Filmemacher tragen Verantwortung, weil sie Einfluss nehmen. 2.) Wirtschaftlich kalkulierte, teure Blockbuster nehmen den meisten Einfluss, und das ist ein Problem. 3.) Nicht-Hollywoodfilme nehmen kaum/keinen Einfluss, haben kaum/keine gesellschaftliche Relevanz, das ist so wohl auch ein Problem.

Filmemacher tragen Verantwortung. Zur Erinnerung, das haben wir schon bei Bernays gelernt: Haltungen und Handlungen der Öffentlichkeit lassen sich durch die Medien steuern (Theorie tl;dr: Über das Überzeugen). Erkenntnis 3.) mag uns europäische Filmemacher zunächst von Erkenntnis 1.) entlasten, das lass ich aber nicht gelten, denn Erkenntnis 3.) ist kein Zustand, den wir auch noch begrüßen sollten, umarmen, wie der Amerikaner so schön sagt.

Anja Peltzer problematisiert Erkenntnis 2.), aus gutem Grund. Hollywood-Blockbuster seien keine amerikanischen Filme mehr, sondern globale, die aufgrund ihrer Kosten und ihrer Aufgabe als „Zugpferdproduktionen“ den absoluten global-gesellschaftlichen Konsens suchen und ihn durch ihre Einflussnahme wiederum bestätigen. „Hollywood als Verstärker des gesellschaftlich Selbstverständlichen.“ Blockbusterfilme können und dürfen gesellschaftliche Realität nicht hinterfragen. Das leuchtet ein.

Ein vielleicht fragwürdiges und deshalb sehr interessantes Beispiel, mit dem Peltzer diese These unterstützt, ist die Charakterentwicklung. Denn wenn Film gesellschaftliches Selbstverständnis beeinflusst, beeinflusst die fiktive figurenpsychologische Identitätsfindung im Film die tatsächliche individuelle Identitätsfindung im Publikum. Die Charakterentwicklung eines Protagonisten kulminiert in seiner Entscheidung zwischen einem meist egoistischen Ziel und einem meist gesellschaftlichen Bedürfnis. Entscheidet sich der Protagonist richtig, d.h. für das gesellschaftliche Bedürfnis, gibt es ein Happy End, entscheidet er sich falsch, scheitert er tragisch. Der Protagonist entscheide sich also niemals gegen die Gesellschaft, natürlich nicht, soll der Film doch der Wirtschaftlichkeit halber der Gesellschaft gefallen.

Und diese Automatik der Entscheidung ist natürlich ein Problem, ein gesellschaftlicher Wert ist nicht unbedingt größer als ein individueller. Denn mir kommt es tatsächlich so vor, als gäbe es nur wenig Filme, in denen individuelle Bedürfnisse mit gesellschaftlichen Erwartungen und Zwängen in Konflikt stehen, und der Protagonist sich gegen die Gesellschaft entscheidet. Und oft genug scheitern sie dann dennoch, auch wenn wir als Zuschauer bei diesen Ausnahmen dann vielleicht geneigt sind, der Gesellschaft dafür die Schuld zu geben. Funktioniert das nur bei historischen Stoffen, wie im Club der toten Dichter, weil darin längst überwundene gesellschaftliche Zwänge kritisiert werden? Gibt es tatsächlich nur wenig Filme dieser Art, gab es früher mehr? Gibt es weniger gesellschaftliche Zwänge, weil wir immer liberaler werden oder trügt der Schein?

Und zuletzt: Wo ziehen wir die Grenze zwischen gesellschaftskritischer und latent faschistischer Erzählung, wie in Liane, das Mädchen aus dem Urwald, wo sich Liane schließlich gegen die verdorbene, verlogene Gesellschaft entscheidet und zurück in den Urlaub geht (s. Theorie tl;dr: Über Nachkriegsdeutsche)?

Das Zitat:

In den entscheidenden Momenten jedoch, und das ist in allen Filmen der Fall, wachsen die Protagonisten über sich hinaus, erkennen, was zu tun ist, und setzen sich für das Wohl der Gemeinschaft ein. Die soziale Anpassung, die an jedem Identitätskonstruktionsprozess beteiligt ist, steht somit in keinem Widerspruch zur eigentlichen Unabhängigkeit eines Helden des Blockbusterkinos. Im Gegenteil: Die filmische Konstruktion der Protagonistenidentität täuscht nicht über das identitäre Paradoxon zwischen individuellen Zielen und sozialer Bestätigung hinweg, sondern sie inszeniert die sozialen Anpassungsprozesse als Heldentaten.

Das letzte Wort: Diese zwei Sätze mag ich euch nicht vorenthalten, wer argumentiert nicht gern mit Schießpulver –

Den kommunikativen Rahmen der Verhandlung bilden die Revolver [sic., Pistolen] an den Schläfen der Akteure. Die Referenz des Wortes gilt im rechtsfreien Raum der Piraten nichts, weshalb die Revolver als argumentative Beglaubigungsstrategien für den Aushandlungsprozess dienen und die abgenutzte Floskel ›Lass uns darüber reden!‹ über Bord geht.

Anja Peltzer: Return to Sender? Kulturelle und politische Adaptionsprozesse von Identität made in Hollywood. In: Perspektiven der Filmsoziologie, herausgegeben von Carsten Heinze, Stephan Moebius und Dieter Reicher bei UVK.

4 Comments

  1. Michael Füting Michael Füting

    Ach Leute, ist doch ganz einfach, nämlich der Unterschied zwischen Kunst und
    Unterhaltung – wobei Kunst durchaus unterhaltend sein darf. Nämlich:
    Unterhaltung bestätigt vorherrschende Ideologien – ja setzt sie geradezu.
    Das langweilige an 80% aller Hollywoodfilme: sie propagieren noch immer den schon längst gestorbenen amerikanischen Traum.
    Kunst hingegen bringt immer eine neue Sicht, lässt mich etwas lernen und kann mir auch mal ganz schön weh tun

    21. Juli 2015
  2. Ich weiß nicht, ich finde das nicht so einfach. Du schreibst ja selbst, dass Kunst unterhaltend sein darf. Kunst ist dann auch Unterhaltung, da gibt es dann keinen Unterschied mehr. Anja Peltzer argumentiert ja mit der Wirtschaftlichkeit, das leuchtet mir ein. Aber nicht jede Unterhaltung muss ja wirtschaftlich (kalkuliert) sein.

    21. Juli 2015
  3. Ich halte die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz (=Unterhaltung) für schwierig. Wo fängt die Kunst an? Beim kleinen Publikum? Oder wenn ein FIlm nicht unterhält, sondern „schwere Kost“ ist (die ja durchaus auch unterhaltsam sein kann)? Wohl nicht. Für mich ist jeder Film ein Kunstwerk, weil ein Drehbuch zu schreiben und einen Film zu machen künstlerische Tätigkeiten sind, die auf einem Handwerk beruhen, das kreativ angewendet wird. Ob daraus gute Kunst oder schlechte Kunst wird, ist eine ganz andere Frage. Ob ein Film unterhält oder nicht unterhält, ebenfalls. Und ob Unterhaltung ein Kriterium für Kunst und Nicht-Kunst ist, ist nochmal eine andere Frage. Das Aufzeigen einer neuen Sichtweise als ein notwendiges Kriterium für Kunst halte ich jedenfalls für eine zu enge Definition.

    Aus meiner Sicht funktioniert die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz erst gar nicht. Es gibt Kunst, die Geld einspielt und Kunst, die kein Geld einspielt. Das war es. Mehr gibt es nicht.

    Das Problem in der Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz – zwischen E und U – liegt meiner Meinung nach in einem zu engen Verständnis von Unterhaltung: Viel zu oft wird es auf das Oberschenkelklopfen in Bully-Herbig-Filmen oder das Schunkeln im Musikantenstadel reduziert. Unterhaltung meint für mich jedoch etwas anderes, nämlich die Beteiligung des Publikums an einem Film. Und hier gibt es zwei verschiedene Formen: die kognitive Beteligung und die emotionale Beteiligung. Mehr dazu unter: https://filmschreiben.de/jede-art-zu-schreiben-ist-erlaubt-nur-nicht-die-langweilige-voltaire/

    18. August 2015
  4. Naja, ja, nein, jein. Wenn wirtschaftliches Kalkül das Filmemachen beeinflusst, Schauplätze, Cast, Crew und selbst das Erzählerische dann ist das schon ein Problem, weil alle diese Entscheidungen stoffremd sind. Und weil es selbstauferlegte Einschränkungen bedeutet.

    19. August 2015

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