Grundlagen II: Was ist eine Geschichte und wie funktioniert sie?

Drei Antworten auf die Frage, was eine Geschichte ist und wie sie funktioniert:

Die Antwort der figurenzentrierten Dramaturgie: Eine Geschichte ist ein dreidimensionales Abbild des Menschseins. Sie erzählt von Veränderungen in drei Welten: der äußeren Welt der Handlungen, der emotionalen Welt der Beziehungen und der inneren Welt der Identität. Und von den wechselseitigen Abhängigkeiten dieser Welten. Damit unterstützen sie uns darin, zu verstehen, wer wir sind. Geschichten stiften Identität.

Die Antwort der werteorientierten Dramaturgie: Eine Geschichte ist ein Werte-Diskurs: Sie erzählt von Werten, die miteinander in Konflikt geraten. Damit stellt sie eine Möglichkeit dar, uns über unsere individuellen und sozialen Werte zu verständigen, und Antworten auf die Fragen zu finden, wie wir leben sollen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Geschichten konstituieren Gemeinschaften.

Die Antwort der konfliktbasierten Dramaturgie: Geschichten erzählen von der Entstehung, der Austragung und der Auflösung von Konflikten, durch die sich Persönlichkeitsentwicklungen vollziehen. Sie helfen uns damit, unsere eigenen Konflikte zu verstehen und zu bearbeiten. Geschichten geben Hoffnung auf ein besseres Leben.

Geschichten stiften also Identität, konstituieren Gemeinschaften und geben Hoffnung auf ein besseres Leben.

In diesem Text geht es um die Antwort der werteorientierten Dramaturgie. Über die konfliktbasierte Dramaturgie habe ich bereits geschrieben, über die figurenzentrierte werde ich später schreiben.

Werteorientierte Dramaturgie

Die werteorientierte Dramaturgie stellt Werte, ihre Dimensionen und ihre Konflikte, in die sie miteinander geraten, in das Zentrum und einer Geschichte. Sie sind der Ausganspunkt ihrer Entwicklung: Über sie wird die Identifikation mit der Hauptfigur erzielt; auf ihnen wird die Charakterentwicklung der Hauptfigur entworfen; von ihnen leiten sich die drei Dimensionen und die drei Welten der Figuren ab; sie bestimmen die Gestaltung des Figurenensembles; aus ihnen ergibt sich die Krise der Hauptfigur; sie bilden das Spannungsfeld einer Geschichte und sind Kriterium für dramatische Relevanz.

Nach Robert McKee sind Werte universale Eigenschaften menschlicher Erfahrung, die positiv oder negativ sein können:

Liebe, Leben, Freiheit, Sicherheit, Ordnung, Selbstbestimmung, Nähe, Gemeinschaft, Loyalität, Vertrauen, Gesundheit, Unversehrtheit, Heimat, Ruhe, Identität, Zugehörigkeit, Anerkennung, Ruhm, Reichtum, Wahrheit, Mut, Treue, Weisheit, Stärke etc.

Werte sind universale Eigenschaften menschlicher Erfahrung.

Hass, Tod, Sklaverei, Unsicherheit, Chaos, Fremdbestimmung, Distanz, Einsamkeit, Verrat, Krankheit, Orientierungslosigkeit, Identitätsverlust, Einsamkeit, Ablehnung, Armut, Lüge, Feigheit, Betrug, Dummheit, Schwäche usw.

Werte als Grundlage der Identifikation mit einer Figur

Warum können Geschichten eigentlich so eine große Wirkung auf uns haben? Und warum erzielen so viele keine Wirkung? Was machen die einen richtig, die anderen falsch? Eine Antwort lautet: Sie wirken, indem sie uns emotional berühren. Sie berühren uns emotional, weil wir uns mit den Figuren identifizieren. Identifikation entsteht, wenn das Publikum und die Lesenden wissen, was die Figur will, verstehen, warum sie es will und wenn sie sich denken: Wäre ich in der gleichen Situation, würde ich das gleiche wollen und tun. Das ist die Standardantwort.

Geschichten wirken emotional aufgrund der Werte, über die sie erzählen.

Sie ist nicht falsch, geht aber nicht weit genug. Geschichten haben eine so große Wirkung auf uns, weil in ihnen (universelle) Werte auf dem Spiel stehen: Figuren sind Träger bestimmter Werte, die im Laufe der Geschichte mit anderen Werten in Konflikt und dadurch unter Druck geraten. Wenn wir eine emotionale Reaktion zeigen, dann immer in Bezug auf bestimmte Werte. Denn wir identifizieren uns mit einer Figur aufgrund eines Wertes, für den sie steht oder aufgrund eines Leids, das sie in Bezug auf einen Wert erfährt.

Identifikation mit der Hauptfigur ist ein Grund, warum man sich der Werte, auf denen eine Geschichte basiert, bewusst sein sollte.

Wertekonflikt als Grundlage für die Charakterentwicklung der Hauptfigur

Ein weiterer Grund ist die Charakterentwicklung der Hauptfigur. Denn die Charakterentwicklung einer Figur drückt sich durch einen Wertewandel aus. Wenn man den zentralen Wert der Geschichte nicht kennt, wird es deshalb schwer, eine nachvollziehbare Charakterentwicklung zu erzählen.

Die Charakterentwicklung einer Figur drückt sich durch einen Wertewandel aus.

In LITTLE MISS SUNSHINE ist der höchste Wert der Hauptfigur am Anfang der Geschichte Gewinnen / Erfolg / Anerkennung / Selbstbestätigung, am Ende ist es Familie / Gemeinschaft / Zusammenhalt.

Gewinnen ist das inhaltliche Thema in LITTLE MISS SUNSHINE. Die Hauptfigur will den Schönheitswettbewerb gewinnen, um Erfolg zu haben, Anerkennung und Selbstbestätigung zu erlangen. Das sind ihre bewussten Bedürfnisse, die sie motivieren und die sie befriedigen will, da sie glaubt, dadurch glücklich zu werden.

Familie ist das emotionale Thema. Glücklich werden die Mitglieder der Familie in LITTLE MISS SUNSHINE nur, wenn sie als Gemeinschaft funktionieren, sie füreinander einstehen und also wieder als Familie zusammenwachsen. Gemeinschaft und Zusammenhalt sind ihre unbewussten Bedürfnisse, die sie befriedigen müssen, um tatsächlich glücklich zu werden.

Aus den Werten einer Geschichte ergeben sich also die Bedürfnisse einer Figur. Der Wertekonflikt kann daher auch als Konflikt zwischen inhaltlichem und emotionalem Thema und zwischen bewusstem und unbewusstem Bedürfnis verstanden werden. Aus diesem Konflikt ergibt sich die Charakterentwicklung der Hauptfigur, indem sie sich am Ende für einen anderen Wert entscheidet. Dieser Moment der Entscheidung, der Zuspitzung des Wertekonflikts, ist die Krise der Figur.

Krise als Zuspitzung eines Wertekonflikts

In LITTLE MISS SUNSHINE müssen sich die Mutter, der Bruder, der Onkel und allen voran der Vater (der für den Wert Gewinnen / Erfolg steht) entscheiden, ob sie Olive alleine verlieren lassen oder ob sie zu ihr auf die Bühne gehen, sich lächerlich machen, aber füreinander einstehen. Erst wenn sie diesen Schritt gegangen sind, ist aus ihnen wieder eine funktionierende Familie geworden, ist die Charakterentwicklung der Hauptfigur abgeschlossen.

In GEGEN DIE WAND muss sich Sibel zwischen ihrer großen Liebe und ihrer Familie entscheiden. Geht sie mit ihrer großen Liebe in eine neue, aber ungewisse Zukunft oder bleibt sie in ihrem alten, gewöhnlichen, aber sicheren Leben? DIE BRÜCKEN AM FLUSS, DER PFERDEFLÜSTERER, CASABLANCA, DAS ENDE EINER AFFÄRE – andere Filme, gleiche Krise: Die Hauptfigur muss sich zwischen ihrer großen Liebe und etwas anderem – einem anderen Wert – entscheiden: der Familie, dem Kampf gegen die Nazis, einem Versprechen Gott gegenüber.

In der Krise muss sich die Figur zwischen zwei Werten entscheiden, die von gleich hoher Bedeutung für sie sind.

Die Krise ist immer eine Dilemmasituation: Die Figur muss sich zwischen zwei Werten entscheiden, die von gleich hoher Bedeutung für sie sind. Einen muss sie jedoch opfern. Mit der Entscheidung, die die Figur in der Krise trifft, geht sie in den Höhepunkt und löst ihren Konflikt auf. Damit vollzieht sich ihre Charakterentwicklung, die sie bis dahin Schritt für Schritt gemacht hat, endgültig. Mit dieser Entscheidung wird außerdem die Aussage der Geschichte getroffen: Familie / Gemeinschaft ist wichtiger als Erfolg und Anerkennung. Der Kampf gegen die Nazis ist wichtiger als die große Liebe.

Werte als Ausgangspunkt der Figurenentwicklung und der Ensembleentwicklung

Auch für die Figurenentwicklung und die Entwicklung des Figurenensembles sind die Werte einer Geschichte von großer Bedeutung. Sie können als Ausgangspunkt dienen, indem die Figuren als Träger der Werte und ihrer Dimensionen betrachtet werden. Mit „Dimension eines Wertes“ sind Werte gemeint, die mit den zentralen Werten verwandt sind und diejenigen Werte, die im Widerspruch zu ihnen stehen.

Welche Dimensionen hat der Wert Liebe? Welche anderen Werte sind mit ihm verwandt? Vertrauen, Nähe, Aufopferungsbereitschaft, Loyalität, Sicherheit, Selbstbestimmung und so weiter. Die Dimensionen des Wertes ergeben das Werte-Feld, auf dem sich die Geschichte und die Figuren bewegen. Welche Werte stehen im Widerspruch zu Liebe? Hass, Misstrauen, Verrat, Unterdrückung etc. Das ist die andere Hälfte des Wertefeldes. Bewegt sich die Geschichte nur auf der positiven Seite, wird sie furchtbar langweilig. Bewegt sie sich nur auf der negativen Seite, wird sie furchtbar depressiv.

Banales Beispiel: Der Politiker, der Parteivorsitzender werden will, um sein Bedürfnis nach Macht zu befriedigen, der aber eigentlich sein Bedürfnis nach Liebe befriedigen müsste, um glücklich zu werden. Macht versus Liebe. Was bedeuten Macht und Liebe? Macht bedeutet Kontrolle, Liebe bedeutet Chaos. Macht bedeutet Manipulation, Misstrauen, Beherrschen. Liebe bedeutet Hingebung, Vertrauen, Loyalität. Ein schönes Spannungsfeld, oder?

Welche Dimensionen eines Wertes transportieren die Figuren?

Die Entwicklung des Figurenensembles orientiert sich an den Fragen, wo im Werte-Feld die Figuren positioniert sind und für welche Dimensionen des Wertes sie stehen: die Mutter für die funktionierende Familie, der Sohn für die dysfunktionale Familie, der Vater für Gewinnen, der Onkel und der Opa für Verlieren.

Vor einer Weile arbeitete ich mit einem Autor an einer Geschichte über das Thema Schuld und Auflösung von Schuld. Für die Entwicklung des Figurenensembles definierten wir zuerst unterschiedliche Werte – Vergebung, Rache / Gerechtigkeit, Wiedergutmachung, Selbstaufopferung – und entwickelten dann konkrete Figuren, die diese Werte transportieren, haben ihre drei Dimensionen und ihre drei Welten entsprechend angepasst.

Vor allem das Wertesystem einer Figur ist für ihre Entwicklung von großer Bedeutung: Was ist von höchstem Wert für die Figur? Wofür würde sie sterben? Was ist ihr egal? Worauf kann sie verzichten? Und für die Charakterentwicklung ist entscheidend: Wie verändert sich das Wertesystem der Figur?

Das Wertesystem einer Figur drückt sich in ihren Glaubenssätzen aus: „Geld alleine macht glücklich und frei“. „Geld ist die Wurzel allen Übels“. Zwei unterschiedliche Glaubensätze, zwei unterschiedliche Figuren. Wie lebt jemand, für den Geld alleine glücklich und frei macht? Nach welchen Kriterien geht er Freundschaften ein? Was bedeuten Statussymbole für ihn? Und wie lebt jemand, für den Geld die Wurzel allen Übels ist?

Aus dem Wert, für den eine Figur steht, ergeben sich ihre drei Dimensionen, ihre drei Welten und ihre Biografie.

Kennt man den Wert, für den eine Figur steht, kann man ihre restlichen Dimensionen entwickeln, ihre soziologische Dimension, ihre psychologische Dimension, ihre äußere Welt der Handlungen, ihre emotionale Welt der Beziehungen, ihre innere Welt der Identität, ihre Ziele, Sehnsüchte und Ängste, ihren Beruf, ihren Intellekt, ihre politischen, religiösen und sonstigen Anschauungen, ihr soziales Umfeld, ihren sozialen Status und so weiter.

Auch für die thematische Entwicklung der Biografie einer Figur sind die zentralen Werte der Ausgangspunkt. In einer Geschichte, in der es um den Wert Liebe / Nähe / Partnerschaft geht, könnte man der Figur folgende Fragen über ihre Vergangenheit stellen, um ihre Biografie zu definieren:

Wurde die Figur ausreichend von ihren Eltern geliebt? Glaubt sie, dass sie genug Liebe und Anerkennung von ihren Eltern bekommen hat? Wann war sie zum ersten Mal verliebt? Wie war das für sie? Wurde ihre Liebe erwidert oder musste sie leiden? Wann hatte sie zum ersten Mal Sex? Wie war das für sie? Himmlisch oder traumatisch? Wie hat sich das auf ihre Einstellung zu Sex und ihren Umgang mit potenziellen Geschlechtspartnern ausgewirkt? Ist sie aktiv oder passiv, wenn es darum geht, jemanden kennen zu lernen? Wie beginnen ihre Beziehungen? Wie und warum enden sie? Gibt es ein bestimmtes Beziehungsmuster, in das sie immer wieder gerät, einen bestimmten Grund, warum ihre Beziehungen immer wieder scheitern? Verliebt sie sich immer in denselben Typ Mensch?

Wert als Kriterium für dramatische Relevanz

Der Wert ist eines der wichtigsten Kriterien für dramatische Relevanz, mit deren Hilfe man entscheiden kann, was die Geschichte braucht, um erzählt und verstanden zu werden und was sie nicht braucht: Transportiert diese Figur, diese Handlung, dieses Ereignis, dieser Aspekt, diese Idee den Wert oder nicht? Falls nein, hat diese Figur, diese Handlung… keine dramatische Relevanz und kann gestrichen werden. Durch den Wert als Kriterium für dramatische Relevanz entstehen eine klarere Fokussierung und eine größere Dichte der Figuren und der Erzählung.

Schluss

Um eine gute Geschichte zu entwickeln, muss man also immer wissen, welcher zentrale Wert in der Geschichte auf dem Spiel steht und mit welchen Werten er in Konflikt gerät: Über welchen Wert und welche Wertekonflikte erzählt die Geschichte? Der größte Wertekonflikt, in dem sich die westlichen Gesellschaften seit einigen Jahren befinden und den sie noch viele Jahre austragen werden müssen, ist übrigens der zwischen Sicherheit und Freiheit: Wie viel Freiheit sind wir bereit aufzugeben, um sicherer leben zu können? Wie weit wollen wir uns überwachen lassen, um mögliche terroristische Anschläge zu verhindern? Sind wir bereit, für unsere Freiheit ein höheres Maß an Unsicherheit in Kauf zu nehmen? Es wundert mich, dass es nicht viel mehr Filme und Romane gibt, die auf diesem Wertekonflikt aufbauen.

Den Wert zu fokussieren, der in der Geschichte auf dem Spiel steht, die Dimensionen des Wertes zu ermitteln, die Figuren als Träger des Wertes und seiner Dimensionen zu entwickeln, die Wertesysteme der Figuren zu definieren und die Charakterentwicklung am Wertewandel der Figur festzumachen, halte ich für einen der wichtigsten Arbeitsschritte im Stoffentwicklungsprozess. Denn auf diese Weise entsteht eine Geschichte, die bedeutungsvoll ist, die etwas zu sagen hat – über das Menschsein und über die Gesellschaft.

3 Comments

  1. Alissa said:

    Ein toller Artikel!

    17. Juni 2015
  2. Josef Pechhacker said:

    Sehr gute Artikel sind das von ihnen, sehr genau und detaliert beschrieben
    die Creme del creme eines guten Buches in einfachen Worten beschrieben.
    Ich und meine Freunde wollen selbst ein Buch schreiben , wir sind zwar erst 18 aber wir wollen unsere eigene Geschichte schreiben und suchen seit über einem Jahr Infos über Zusammenstellung eines Buches und was es ausmach. Lange Rede kurzer Sinn : Danke.

    3. Oktober 2016

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