Psychologische Grundkonflikte III: Versorgung vs. Autarkie

“He goes to talk about his mother. That’s what he’s doing. He talks about me, he complains. ‚She didn’t do this, she did that.‘ Oh, I gave my life to my children on a silver platter, and this is how he repays me.” – Livia Soprano (Nancy Marchant) in THE SOPRANOS, Staffel 1, Folge 7 (USA, 1999).

Dieser Artikel behandelt einen der sieben psychologischen Grundkonflikte und baut damit auf meinen allgemeinen Ausführungen zur Psychodynamik auf. Ebenfalls bereits erschienen sind Artikel zum Abhängigkeits- vs. Individuationskonflikt und zum Unterwerfungs- vs. Kontrollkonflik.

Tonys ewig jammernde Mutter Livia aus der bahnbrechenden Serie DIE SOPRANOS – Wie hat sie uns genervt! Das ständige Klagen darüber, dass man sie nicht besucht, nicht anruft, nicht an sie denkt. Dass die noble Seniorenresidenz ein furchtbares Loch sei, in welches man sie abgeschoben habe. Dass ihre Kinder, trotz bester Erziehung „auf dem Silbertablett“ missraten und undankbar seien…

Ihr Sohn Tony, sonst ein gestandener Mafiaboss, braucht viel Zeit und Psychotrherapie, um sich von den Schuldgefühlen zu befreien, welche Livia ihm durch ihr ständiges Jammern darüber, zu kurz gekommen zu sein, macht. Zumal sie paradoxerweise seine vielen Versuche, sich um sie zu kümmern, vernichtend zurückweist. Der CD-Player für ihre Lieblingsmusik ist zu neumodisch, die Einladungen zu Familienfeiern zu anstrengend, die zum Besuch gezwungenen Enkel zu ungezogen.

Livias innerer Konflikt: Sie fühlt sich einsam, kann Zuwendung aber nicht annehmen.

In dieser widersprüchlichen Beziehungsgestaltung zeigt sich – wie so oft – Livias innerer psychischer Konflikt: Einerseits fühlt sie sich einsam und von den relevanten Anderen in ihrem Leben zu wenig gesehen, versorgt und geliebt. Andererseits kann sie direkte Zuwendung kaum zulassen und annehmen. Stattdessen betont sie unermüdlich die vielen Opfer, die sie ihr Leben lang für andere gebracht habe. Es geht also offensichtlich um das Thema Versorgung: Versorgt zu werden, sich versorgt zu wissen, und dadurch in der Lage zu sein, andere wohlwollend zu versorgen, ohne die Gefahr eigener Unterversorgung. Dabei kann sich Versorgung auf materieller, körperlicher oder emotionaler Ebene abspielen.

Das Gegenteil von Versorgung ist Autarkie: Die Unabhängigkeit, das Nichtangewiesensein von Versorgung durch andere. Autarkie hat den Vorteil, dass man sich frei und unabhängig fühlt, keine Kompromisse eingehen muss, um sich das Wohlwollen und damit die Versorgung anderer zu sichern. Die Kosten der Autarkie sind ein hoher Energieaufwand und die ständige Gefahr, beim Versagen oder Erschöpfen der autarken Selbstversorgung nicht durch andere abgesichert zu sein.

Forcierte Autarkie kann die Funktion haben, unbewusste Versorgungsbedürfnisse innerlich abzuwehren. Zum Beispiel aus der Angst heraus, dass diese ohnehin nicht erfüllt würden, aus Angst vor Abhängigkeit oder Verpflichtung, oder aus der früheren Erfahrung heraus, dass Bedürfnisse nicht erfüllt oder Bedürftigkeit ausgenutzt werden.

Forcierte Autarkie versus unbewusste Versorgungswünsche

Diesen forcierten aktiven Autarkiemodus können wir bei Livia erkennen, die sich auf der bewussten Ebene immer wieder als aufopfernd und versorgend inszeniert, deren unbewusste Versorgungswünsche und auch die Kränkung über die von ihr subjektiv erlebte Unterversorgung aber so stark sind, dass sie ständig durchklingen.

Einen ähnlichen Abwehrmodus zeigt auch Fiona aus der Serie SHAMELESS. Als älteste Tochter zweier suchtkranker und völlig unzuverlässiger Eltern hat sie früh die Erfahrung gemacht, dass ihre Bedürfnisse – materiell und emotional – nicht erfüllt werden. Um die Trauer und den Mangel nicht spüren zu müssen, mobilisiert sie ständig große Energie um ihrerseits eine aktiv versorgende Rolle gegenüber ihren vielen Geschwistern einzunehmen. Die aktiv versorgende Rolle kann sie offenbar besser ertragen, als das Gefühl, mit ihren eigenen Bedürfnissen nicht gesehen zu werden. Dazu muss sie jedoch ihre eigenen passiven Versorgungswünsche derart hartnäckig verdrängen, dass sie meist gar nicht mehr in der Lage ist, Hilfe und emotionale Zuwendung anzunehmen, selbst wenn diese einmal angeboten wird. Notdürftige Ersatzbefriedigungen sucht sie immer wieder in unverbindlichem Sex oder Drogen, als Möglichkeit, die Helferrolle vorübergehend abzulegen, ohne dabei wirklich in ihrer Bedürftigkeit berührt zu werden. Aber das geht natürlich regelmäßig schief…

Fionas innerer Konflikt: Sie erträgt die aktiv versorgende Rolle besser als das Gefühl, mit ihren Bedürfnissen nicht gesehen zu werden.

Fionas Gegenstück in SHAMELESS ist ihr Vater, Frank. Als chronischer Alkoholiker hat er sich ganz einem einzigen Bedürfnis verschrieben. Beim Trinken erlebt er eine Vielzahl positiver Gefühle, ohne dafür Irgendjemandem Irgendetwas geben zu müssen. Er gibt sich ganz bewusst seinem passiven Versorgungswunsch (in diesem Fall durch das Suchtmittel) hin, ohne diesen zu verleugnen. Was er aber wiederum verdrängen muss, sind basale menschliche Motive, wie Ehrgeiz, Stolz und der Wunsch nach Selbstwirksamkeit, sprich Autarkie.

Darin erinnert er uns auch an Gollum aus DER HERR DER RINGE. Bei ihm wird die teufelskreisartige Dynamik einseitiger Konfliktlösungen deutlich: Verängstigte, einsame, hilflose Persönlichkeitsanteile finden im Suchtmittel (in Gollums Fall dem Ring) eine starke, beschützende und versorgende Instanz. Diese löst kurzfristig das Gefühl des Mangels, verstärkt aber gleichzeitig auch Gollums Gefühl, dies ohne Ring nicht geschafft zu haben. Somit muss Gollum immer größere Anstrengung vollbringen, um den Ring zu behalten bzw. im Falle des Verlusts wiederzubeschaffen. Immer mehr vernachlässigt und verlernt er die möglicherweise zuvor vorhandenen Fähigkeiten, seine Bedürfnisse anderen gegenüber in adäquater Weise zu formulieren, oder sich selbst Gefühle von Sicherheit, Entspannung oder Freude zu verschaffen. Der Ring macht also abhängig.

Gollum als Beispiel für die teufelskreisartige Dynamik einseitiger Konfliktlösungen.

Im echten Leben begegnen uns Menschen im aktiven Autarkiemodus als ausgebrannte Hochleister, „hilflose Helfer“, als diejenigen, die ständig andere retten müssen, um sich selbst zu stabilisieren, deren untergründige Enttäuschung wir aber hin und wieder erahnen können. Wünsche nach Hilfe, Versorgung, Unterstützung werden verleugnet oder können nur indirekt gezeigt werden. Zum Beispiel bei Krankheit oder Burnout, oder mithilfe nicht-reziproker Versorgung durch Alkohol, Beruhigungsmittel oder unverbindlichen Sex.

Als Gegenüber fühlen wir uns unterlegen, widerwillig zur Dankbarkeit verpflichtet. Vielleicht ärgert uns auch die Überbetonung von Unabhängigkeit und Eigenleistung, und wir genießen den heimlichen Triumph, wenn ein sehr um Autarkie bemühter Mensch letztlich doch zusammenbricht und Hilfe braucht.

Menschen im passiven Versorgungsmodus erleben wir als bedürftig, fordernd und chronisch enttäuscht. Vielleicht sind sie oft krank, fordern schnell Schonung oder Medikamente ein, lassen sich gerne helfen, sind aber selbst zu belastet, wenn man ihre Hilfe oder Zuwendung bräuchte. Ihre Verleugnung trifft das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und nach Reziprozität und Augenhöhe in Beziehungen: Ich würde ja gern, aber…

Widerwillig fühlen wir uns ihnen verpflichtet, gehen dabei aber innerlich immer enttäuschter auf Distanz. Die Zuwendung wird oberflächlicher, die innere Distanz größer und spürbarer, was die Angst vor Unterversorgung unbewusst steigert und damit noch mehr Jammern, Klagen, Einfordern auslöst.

Wie bei allen psychischen Grundkonflikten ist ein flexibles Oszillieren im mittleren Bereich der beiden entgegengesetzten Motive die beste Grundlage für psychische Stabilität und Gesundheit. Wer in der Lage ist, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, gute Strategien hat, um sich selbst Gutes zu tun, aber auch in der Lage ist, um die Hilfe und Zuwendung anderer zu bitten, der wird in den relevanten Bereichen des Lebens ausreichend gut versorgt sein und somit auch bereit und fähig, gleichermaßen für die ihm wichtigen Menschen da zu sein.

Genau, wie es in dem schönen Animationsfilm ALLES STEHT KOPF erklärt wird:

Jeder von uns braucht Wut, Ekel und Angst, um uns auf unsere Bedürfnisse und mögliche Mängel in deren Erfüllung hinzuweisen.

Freude, um aktiv die Herausforderungen anzugehen, selbst für mehr Bedürfnisbefriedigung zu sorgen.

Aber eben auch Kummer, um uns selbst und unserer Umwelt zu signalisieren, dass wir auf Hilfe angewiesen sind.

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  1. […] erörtert: Abhängigkeits- vs. Individuationskonflikt Unterwerfungs- vs. Kontrollkonflikt Versorgungs- vs. Autarkiekonflikt Selbstwertkonflikt Über-Ich-Konflikt (n.n.) Ödipal-sexueller Konflikt (n.n.) Identitätskonflikt […]

    18. November 2016
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