Zwei Jahre Filmschreiben: Wir sind noch da!

Natürlich suche ich in unserem zweiten Geburtstag eine Bedeutung. Weil es dramaturgische Aufgabe ist, nach Bedeutung zu fragen. Und weil es dramaturgische Erfahrung ist, dass es diese Bedeutung gibt. Sonst würden wir Geburtstage nicht feiern. Zu Weihnachten besinnen wir uns auf uns selbst, zu Neujahr rekapitulieren wir Erreichtes und schmieden neue Pläne. Und unser Geburtstag? Für mich bedeutet er: Wir sind noch da!

Das klingt unnötig pessimistisch, weil es die Möglichkeit berücksichtigt, dass es auch anders hätte kommen können. Doch, seien wir ehrlich: Genau das hätte es auch. Die Arbeit, die dieser Blog mit sich bringt, für Ron und mich und für jede unserer Autorinnen, jeden unserer Autoren, ist nicht nur aufwändig, sie ist im Grunde eine äußerst undankbare: Wir sind hier, um über unser aller Erzählen nachzudenken und Vorschläge zu machen, zu seiner Verbesserung.

Doch wer bittet eigentlich um eine Verbesserung des Erzählens, genauer, um eine Verbesserung seines Erzählens? Wir suchen Rat erst, wenn wir ihn brauchen – nein: wenn wir glauben, dass wir ihn brauchen. Solange Sendeplätze gefüllt, deutsche Filme gemacht, deutsche Drehbücher verkauft werden, braucht niemand einen Rat. Alles funktioniert, ganz unabhängig von der Frage nach Qualität. Es fehlt jede Not zur Verbesserung.

Not sollte man niemandem wünschen, und das tue ich hier auch nicht. Ich wünsche mir – und ist nicht der eigene Geburtstag der richtige Augenblick zum Wünschen? Ich wünsche mir mehr Einsicht in den Sinn unserer Arbeit, die wir hier in diesem Blog leisten, die an Universitäten und Filmschulen geleistet wird und von Engagierten in den Berufsverbänden. Wir versuchen mit all unseren Kräften unser aller Erzählen zu verbessern, und ich wünsche mir, dass diese Versuche nicht ignoriert werden, nur weil alles auch ohne Verbesserung funktioniert.

Diese Ignoranz ist vielleicht eine böse Unterstellung und der Adressat ist der Falsche: Leser unseres Blogs sind sehr wahrscheinlich am Verbessern ihres eigenen Erzählens interessiert, sonst läsen sie nicht unseren Blog. Doch wir sind uns mit unseren verschiedenen Erfahrungen vermutlich einig, dass dieses Interesse nicht grundsätzlich in unserer Branche besteht. Weil im Zweifel Ansprüche gesenkt werden um den status quo zu bewahren.

Ich richte mich mit diesem Wunsch an euch, unsere Leser, um euch einzuladen mit uns übers Erzählen nachzudenken, mit uns Vorschläge zu seiner Verbesserung zu machen, mit uns andere von dem Sinn dieser Arbeit zu überzeugen. Ich möchte hier gar nicht behaupten, dass wir diejenigen sind, die unser Erzählen revolutionieren werden. Aber wir versuchen es, seit immerhin zwei Jahren und wir werden es weiter versuchen: Wir sind noch da!

Der Autor feiert in einer Woche seinen eigenen, biologischen Geburtstag, und überlegt noch, ob „Ich bin noch da!“ ein ausreichender Grund zum Feiern ist.

4 Comments

  1. Michael Füting said:

    Schließe mich dem Glückwunsch an und sage: auf weitere Jahre. Wünsche mehr Leser, denn es ist wichtig, dass Filme gut sind…

    8. Oktober 2016
  2. Sabine Diedrich said:

    Selten hat jemand so präzise zusammengefasst was mich umtreibt! Danke!
    Glückwunsch zum 2. und auch zum biologischen Geburtstag.

    9. Oktober 2016
  3. Regina Weber said:

    Herzlichen Glückwunsch und ein dickes Kompliment: ich finde Euer Blog ist immer noch das Beste, was der deutschsprachige Markt in Sachen Film und Dramaturgie zu bieten hat!

    10. Oktober 2016

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