Charakterentwicklung: By design or by desaster

Drei Geister verändern Ebenezer Scrooge zu Weihnachten: Der erste reflektiert über Scrooges Fehler der Vergangenheit, und wie es zu ihnen kam, der zweite zeigt ihm den akuten Handlungsbedarf, besser: die Handlungsnot, der dritte die Konsequenzen, wenn denn nichts geschieht, wenn die Not ignoriert und nicht behandelt, wenn nicht gehandelt wird, wenn sich Scrooge nicht verändert. Der vierte ist Charles Dickens, er verändert uns.

Dieser Artikel erschien ursprünglich zur Berlinale in der 37. Ausgabe des Wendepunkt, dem Fachmagazin des Verbands für Film und Fernsehdramaturgie. Bei Erscheinen noch etwas aktueller, bin ich jetzt zu Ostern mit dem Weihnachtsthema wirklich spät dran. Genauso wie die Temperaturen. April, April, ich mach was ich will. Der Wendepunkt lässt sich auf den Seiten des Verbands digital abonnieren.

Die Veränderung in der Figur, die Charakterentwicklung, das Character Growth, der Character Arc, ist Drama, ist Erzählung. Weil sie sich an einem Konflikt entzündet, in Entscheidungen zeigt, und in Handlungen beweist. Und immer stattfindet, wenn (bzw. weil) Menschen erzählt werden, so argumentiert ja Lajos Egri (The Art of Dramatic Writing). Menschen, die sich nicht veränderten, die gäbe es – jedoch nur im Reich des schlechten Schreibens.

Egri zitiert Oscar Wilde: »Das Einzige, das man über die menschliche Natur wirklich weiß ist, dass sie sich verändert.« Und: »Die Systeme, die scheitern sind jene, die auf die Dauerhaftigkeit der menschlichen Natur bauen, und nicht auf ihr Wachsen und ihre Entwicklung.« (Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus.) Dass oben von ‚entzünden‛ die Rede ist hat übrigens einen guten Grund: Psychologen sprechen bei Veränderung von Auftauen und Einfrieren.
Eine Veränderung, die künftige Entscheidungen bestimmt.
Jeder der drei Weihnachtsgeister ist für Scrooges Charakterentwicklung relevant, doch sie gewinnen erst gemeinsam genügend Kraft um ihn zu überzeugen, ihn zu bewegen, zu verändern. Die Einsicht in die Fehler der Vergangenheit funktioniert nicht bloß durch ihre Beschreibung, erst in ihren Konsequenzen in Gegenwart und Zukunft offenbart sich ihre Fehlerhaftigkeit. Ohne die Handlungsnot der Gegenwart rückt die Notwendigkeit zur Veränderung in die Ferne. Und ohne den Blick in die Zukunft fehlt Erwartung, also Motivation.

Zwei deskriptive Geister, ein normativer. Erst der Geist der zukünftigen Weihnacht zeigt Scrooge eine Zukunft, die er sich so nicht wünschen kann, die es ihm aber möglich macht, seine eigene Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft zu formulieren – und dann entsprechend zu handeln. (Die Kausalität von Handlung ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber ja doch erzählerisches Prinzip, seit wir nicht mehr an ein Schicksal glauben.)

Scrooge entwickelt sich, um andere Entwicklungen zu verhindern. Denn entwickelt hätte er sich in jedem Fall. Während er trotz seiner Art noch empfänglich ist für die Eingaben der Geister, sonst würden sie mit ihren letzten Warnungen ihm nicht erscheinen, wäre er das nach einer Entscheidung gegen die Menschlichkeit, gegen die Geister, gegen sich, gegen Weihnachten, sicher nicht mehr. Auch seine abermalige Verhärtung wäre also eine Veränderung, die künftige Entscheidungen bestimmt. Stichwort: Pfadabhängigkeit.
Eine Veränderung findet zwangsläufig statt.
Aus gutem Grund nennt sich der Character Arc wohl Bogen und nicht Pfeil, denn er stellt sowohl bei gutem (komischen?) als auch bei schlechtem (tragischen) Ende eine Abkehr von der bisherigen Entwicklung, also den bisher getroffenen Entscheidungen, den daraus resultierenden Handlungen und den daraus resultierenden subjektiven Erfolgen dar.

Die größte Veränderung, die Scrooge droht, wie so vielen tragischen Figuren, ist dann sein eigener einsamer Tod. Vielleicht kann er ihn vermeiden, wenn er sich widerwillig den Sachzwängen fügt (Geld für einen Arzt ausgibt), eine positive Charakterentwicklung findet so allerdings nicht mehr statt. Die braucht die Entscheidung zum Eingreifen, nicht zur Unterwerfung. Eine Veränderung findet aber zwangsläufig statt. Nachhaltigkeits-Soziologen formulieren mit Blick auf die Zukunft der Menschheit die beiden Möglichkeiten zur notwendigen, unausweichlichen gesellschaftlichen Transformation so: »by design or by desaster.« (Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign.)

Ich weise hier zuletzt auf die Nachhaltigkeitsdiskussion und ihre Relevanz für unser aller Zukunft, und oben auf Wildes Zitat zu den Systemen auch deshalb hin, weil wir Erzähler ja selbst die drei Geister sind. Denn Geister gibt es bloß bei Dickens, tatsächlich aber sind wir Erzähler diejenigen, die Menschen berühren und verändern können. Ich spiele gerade selbst den zweiten Geist, weil ich euch ein Handlungsangebot mache: Erzählt und bewegt und verändert uns. Denn wir alle müssen bewegt werden und uns verändern. Das ist eure Handlungsnot.

Um Egri falsch zu zitieren: »A character can grow through making the correct movie, as well as the incorrect one.«

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