Der Dialog als Haupt-Handlungselement eines Drehbuchs

Kommen wir zum Hauptelement eines jeden Drehbuchs. Das sind mitnichten die Regieanweisungen, sondern vielmehr der Dialog. Hier findet die Aktion zwischen den handelnden Figuren statt, hier entsteht Konflikt, hier wird die Handlung vorangetrieben. Natürlich drücken wir auch mit Nichtsprachlichem Handlung aus, da sich diese aus dem Erreichenwollen eines Ziels, aus der Tat generiert, und doch spielt die Sprache, das Sprechen der handelnden Figuren, eine entscheidende Rolle. Nur wenige moderne Filme kommen ohne Sprache aus, und noch weniger schaffen es, ohne Sprache einen dramaturgisch hochwertigen Spannungsbogen aufzubauen (als positives Beispiel sei ALL IS LOST (USA 2013) genannt). 99% allen bewegten Bilds braucht die Sprache – sie ist das Vehikel, auf dem wir unsere Dramaturgie transportieren.

Lebensnahe Dialoge zu schreiben fällt vielen Autoren allerdings schwer – es ist eine Kunst für sich und benötigt oft jahrelanges Üben. Selbst gestandene Drehbuchautoren feilen lange an ihren Dialogen, bis sie so sitzen, wie sie es sich wünschen. Man könnte sogar behaupten, jedes geschriebene Drehbuch, jeder Dialog, jede Überarbeitung eines Dialogs sei eine Fingerübung für den nächsten Dialog, das nächste Drehbuch. Eine vervollkommnete Perfektion erreichen die wenigsten, und wirklich beeindruckende Dialoge, die noch lange nachklingen, sind schwer zu erzeugen.

Beispiel 1: USA – Serie

Die letzten Dialoge, die mich nachhaltig beeindruckt haben, stammen aus zwei amerikanischen Serien. Zum einen sind die diese unglaublich vielschichtigen, bisweilen sogar poetischen Wortwechsel zwischen Hannibal Lector und seinem Gegenspieler Will Graham in HANNIBAL (USA, 2013-2015, Beispiel aus Staffel 3, Episode 3, „Secondo“, Buch: Angelina Burnett, Bryan Fuller, Steve Lightfoot):

HANNIBAL: It’s not healing to see your childhood home, but it helps you measure whether you are broken, how and why, assuming you want to know.

WILL GRAHAM: I want to know. (beat) Is this where construction began?

HANNIBAL: On my memory palace? Its door at the center of my mind. And here you are, feeling for the latch.

WILL GRAHAM: The spaces in your mind devoted to your earliest years… are they different than the other rooms?

HANNIBAL: This room holds sound and motion, great snakes wrestling and heaving in the dark. Other rooms are static scenes, fragmentary… like painted shards of glass.

WILL GRAHAM: Everything keyed to memoriest hat lead to other memories.

HANNIBAL: In geometric progression.

WILL GRAHAM: The rooms you can’t bring yourself to go. Nothing escaped from them that causes you any comfort.

HANNIBAL: Screams fill some of those places. But the corridors do not echo screaming… because I hear music.

Ein anderes Beispiel, ein anderer, häufig höchst politischer Unterton, und doch ebenso pointiert durchdacht, sind die Wortwechsel zwischen Frank Underwood und seiner Frau Claire in HOUSE OF CARDS (USA, seit 2013, Beispiel aus Staffel 1, Episode 1, „Pilot“, Buch: Beau Willimon):

CLAIRE: Aren’t you angry?

FRANCIS: Of course I am.

CLAIRE: Then where’s your anger?

FRANCIS: You want me to lash out at Walker? At Vasquez? You want me to go to the press and make a mess of something I can’t change?

CLAIRE: I want more than what I’m seeing.

FRANCIS: How kind of you.

CLAIRE: I’m not doling out sympathy.

FRANCIS: I didn’t ask for it.

CLAIRE: You’re better than this, Francis.

FRANCIS: I’m sorry, Claire.

CLAIRE: No. That I won’t accept.

FRANCIS: What?

CLAIRE: Apologies. My husband doesn’t apologize, even to me.

Die Amerikaner (und zum guten Teil auch die britischen Autoren) sind Meister darin, kluge Dialoge zu schreiben. Selbst in der deutschen Synchronisation klingen ihre Dialoge in vielen Fällen beeindruckend, während wir bei deutschen Produktionen oftmals das Gefühl haben, dass die Dialoge einfach nicht so zünden.

Beispiel 2: Deutsches Kino

Der Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Dialogen besteht in einem grundlegend anderen Ansatz, an das Thema Dialog heranzugehen: Deutsche Dialoge sind in der Regel deutlich mehr am Realismus orientiert, während wir aber gleichzeitig die kunstvollen Variationen der englischsprachigen Filme und Serien im Ohr haben. Kein Wunder also, dass unsere eigenen Dialoge uns seltsam fremd erscheinen, obwohl sie doch wesentlich realistischer gebaut und damit auf ihre eigene Weise hochwertig sind.

Für mich ist es hier in diesem Jahr der nun Oscar-nominierte TONI ERDMANN (D 2016, Buch: Maren Ade), der es schafft, sowohl realistisch als auch tiefgründig zu sein:

WINFRIED: Bist du eigentlich auch ein bisschen glücklich hier?

INES: Was meinst’n mit Glück? Glück ist ein sehr starkes Wort.

WINFRIED: Na… Ich mein halt, ob du so’n bisschen zum Leben kommst auch.

INES: Mal ins Kino gehen oder so…?

WINFRIED: Naja. Halt auch mal was machen, was Spaß macht.

INES: Da schwirren jetzt ganz schön viele Begriffe rum, hier, ne. Spaß, Glück, Leben. Sollen wir ein bisschen ausdünnen? (beat) Was findest denn du lebenswert? Wenn du schon die großen Themen hier hochbringst.

WINFRIED: Na, das kann ich jetzt so spontan gar nicht sagen. Ich wollte eigentlich nur wissen, wie’s dir geht.

Realistische und hochwertige Dialoge schreiben

Auch wenn es im Hinblick auf unsere großen Vorbilder so aussehen mag, ist das Schreiben von Dialogen kein Hexenwerk, sondern vor allem eins: Übung. Denn nur mit viel, viel Übung können wir eines Tages die Gratwanderung beherrschen, mit der wir einen Dialog unterhaltsam, spannend UND realistisch hinbekommen.

Nicht vergessen dürfen wir, dass kein einziger Abschnitt des Dialogs überflüssig wirken darf. Stattdessen arbeiten wir auf Mehrwert hin, und zwar in jedem einzelnen Wortbeitrag. Abschließend habe ich eine Checkliste zusammengestellt, die uns auf dem Weg zu realistischen, hochwertigen Dialogen begleiten kann:

  • Charakterentwicklung: Hier zahlt sich Vorarbeit am Ende aus, denn je weiter die Charaktere schon entwickelt sind, bevor wir mit dem Schreiben der Dialoge beginnen, desto genauer wissen wir, wie sie sprechen, wie sie reagieren und wie der Dialog zum Charakter passt.
  • Sprache: Verschiedene Charaktere haben eine unterschiedliche Art zu sprechen. Diese ergibt sich aus ihrer Herkunft, ihrem Job, ihrem Umfeld – auch der Sprache unserer Figuren liegt die Charakterentwicklung zugrunde. Daraus folgt die individuelle Anpassung der Sprache an den Charakter, der einen ganz eigenen Wortschatz, Dialekt, eine eigene Aussprache oder andere Besonderheiten haben kann.
  • Einfachheit: Dialoge müssen nicht kunstvoll verästelt sein – je kunstvoller, desto unrealistischer sind sie im Allgemeinen auch. Ein realistischer Wortwechsel besteht dagegen aus der simplen Reaktion auf eine Aktion oder eine Aussage, gefolgt von einer weiteren Reaktion.
  • Konflikt und Ziel: Ein Dialog kann einen Konflikt ausdrücken, ein Informationsziel verfolgen oder die Handlung vorantreiben. Durch ihn lernen wir unsere Charaktere besser kennen. Wir sollten uns also vor jedem Dialog genau überlegen, was wir mit ihm erreichen wollen.
  • Direkt vs. indirekt: Anders als im echten Leben sind direkte Aussagen im Drehbuch nicht immer die beste Wahl. Ein Dialog, der Konflikte oder Ziele direkt anspricht, kann schnell sehr langweilig sein. Wesentlich interessanter ist es, wenn unsere Figuren ein bisschen um den heißen Brei herumreden.
  • Dialog statt Monolog: Monologe sind was fürs Theater. Film und Serie dagegen leben von Dialogen, also der Interaktion zwischen mehreren Figuren.

So viel zur formalen Seite. Aber wie sieht es mit der eigenen Einstellung aus, mit unserer Schreibroutine? Auch hier gibt es ein paar Punkte, die wir beim Schreiben von Dialogen im Hinterkopf behalten sollten:

  • Auf die innere Stimme hören: Vieles lässt sich in einem Drehbuch erst einmal technisch niederlegen, bevor es an den Feinschliff geht. Einige Autoren beginnen mit den Regieanweisungen und warten bis zum letzten Moment, bevor es an die Dialoge geht. Andere starten mit den Dialogen und bauen aus diesen ihren Plot. Ein „falsch“ gibt es hier nicht, vielmehr sollten wir unserem „Flow“ folgen – schreiben, was sich gut anfühlt, und darauf hören, was kommt, wenn wir an unsere Figuren denken. Umschreiben können wir dann später immer noch.
  • Selbstkontrolle: Ist ein Dialog geschrieben, ist es an der Zeit, ihn auf mögliche Schwachstellen zu überprüfen. Und am Ende des Drehbuchs: Sämtliche Dialoge auf ihren Bezug zur Handlung, ihr Ziel und ihr Konfliktpotenzial kontrollieren.
  • Write, Rewrite, Repeat: Am Ende des Drehbuchschreibens (und des Dialoge Schreibens) steht das Überarbeiten. Nicht jeder kann sein eigener Redakteur sein, aber ein Stück Redaktionsgeschick sollte bei der Überarbeitung in uns stecken. Denn in dieser Phase haben wir die Chance, aus einem guten, aber holprigen Dialog einen flüssigen, glaubhaften und hochwertigen Wortwechsel zu schaffen. Also: alles Unnötige streichen, emotionalisieren, wo es geht, und einen natürlichen Aufbau verfolgen. Den Dialog auf das überprüfen, was nicht ausgesprochen wird, aber mitschwingt (der sogenannte Subtext). Und zuletzt: unterhalten.

2 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Daniel Danzer sagt:

    Was ich beim Dialogschreiben (natürlich auch für die Szene / Handlung, etc.) als unabdingbar betrachte ist das Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun. Klar, haben wir alle mal gehört …
    https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell
    … spannend finde ich aber folgendes:

    – In eher flachen Dialogen (oft auch in deutschen Produktionen) senden und empfangen die Figuren 1:1 – wenn der Kommissar auf der Sachebene fragt, antwortet die Assistentin auch auf dieser.

    – Lebendiger und besser werden die Dialoge, wenn die Figuren „nicht mitspielen“, also andere Ebenen wahrnehmen, als der Dialogpartner. Bei „House of Cards“ sehr gut zu sehen – die beiden denken auf zwei verschiedenen Spuren: Er ist gerade sehr konkret der Gegenwart verhaftet (fragt sich auf der Sachebene, was zu tun ist), sie denkt stark die Beziehungsebene mit, wo er nicht recht folgen kann. Bei „Toni Erdmann“ schalten die zwei ebenfalls auf zwei komplett unterschiedlichen Ebenen. Er versucht ein bisschen „Beziehungs-Smalltalk“, doch sein Appell geht an ihr völlig vorbei. Sie geht knallhart auf die Sachebene. Herrlich.

    Durch diese Reibungen entstehen „Haken“, Überraschungen, Individuen, die man fasziniert beobachtet und gerne mit belauscht. Das Zuschauerhirn hat ungleich mehr zu tun – und das braucht es, damit es in den Film hineingezogen wird.

    6. Februar 2017
    Antworten
    • Ganz genau! Diese Reibungen und „Haken“ brauchen wir, und je mehr der Zuschauer zum Mitdenken angehalten ist, desto interessanter wird der Dialog, und desto tiefer können wir uns hineinziehen lassen. Auch im „echten“ Leben kommunizieren die wenigsten auf derselben Ebene, und auch aus diesem Grund brauchen wir die Ebenen im Filmdialog – umso glaubhafter werden auch die Figuren!

      6. Februar 2017

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