Die Dynamik einer Geschichte – Konfliktsteigerung

Ohne Konflikt keine Charakterentwicklung und keine Geschichte. Ein Konflikt als solcher reicht jedoch noch nicht aus. Denn damit die Figur ihren Charakter dynamisch entwickeln kann, muss sich der Konflikt steigern. Konfliktsteigerung ist also ein zentrales Element in der Entwicklung einer Geschichte. Ein Beispiel:

In Fatih Akins Film IM JULI verliebt sich der schüchterne Physiklehrer Daniel in die junge Türkin Melek, die jedoch am nächsten Tag zurück in die Türkei fährt. Das einzige, was er weiß, ist, dass sie an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit unter einer bestimmten Brücke über dem Bosporus sein wird. Wenn er sie wieder sehen will, muss er also zu genau diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort sein. Schafft er es nicht, wird er sie nie wieder sehen (man nennt das übrigens eine „ticking clock“, ein einfaches, aber immer wirkungsvolles dramaturgisches Mittel der Spannungserzeugung: Man gibt der Hauptfigur nur eine bestimmte Zeit, innerhalb der sie ihr Ziel erreichen, ihren Konflikt lösen muss). Also macht er sich mit dem Auto auf den Weg.

Konfliktsteigerung ist ein zentrales Element in der Entwicklung einer Geschichte.

Irgendwann fährt er einen staubigen Hügel hinunter und kommt vor einem Fluss zum stehen. Sein Ziel ist es, über den Fluss zu kommen. Sein Problem ist, dass es keine Brücke gibt. Das Fehlen der Brücke ist also die antagonistische Kraft in diesem situativen Konflikt. Was macht er? Er macht mit einem Stock eine kompliziert aussehende physikalische Rechnung im Staub: Das Auto ist so und so schwer, der Fluss so und so breit, die Neigung des Hügels so und so viel Grad, wenn ich also mit der und der Geschwindigkeit den Hügel hinunter rase, müsste es mir gelingen, mit dem Auto über den Fluss zu springen. Also fährt er den Hügel hoch, dreht um, gibt Vollgas, hebt ab und stürzt in der Mitte des Flusses ins Wasser. Das Auto geht unter, er klettert heraus und schwimmt auf die andere Seite. Er hat sein Ziel also erreicht. Aber: Jetzt hat er kein Auto mehr.

Daniel hat das Ziel, das er in dieser Szene verfolgte, zwar erreicht, aber es ist jetzt für ihn nicht leichter, sondern schwerer geworden, sein großes dramatisches Ziel zu erreichen. Denn er hat kein Auto mehr und steht irgendwo in der tiefsten Pampa. Das ist die Konfliktsteigerung. Es reicht also nicht nur aus, einen Konflikt zu haben, er muss sich auch noch steigern. Es muss für die Figur also tendenziell immer schwerer werden, ihr Ziel zu erreichen. Und das ist nicht immer einfach zu entwickeln.

Was ist das Schlimmste, was der Figur passieren kann?

Es gibt jedoch eine Frage, eine der wichtigsten und effektivsten Fragen in der Stoffentwicklung, die einem hilft, die Konfliktsteigerung zu erzielen: Was ist das Schlimmste, was der Hauptfigur passieren kann?

Diese Frage kann man im Grunde in jeder Phase der Entwicklung stellen, sowohl auf der Makroebene der Geschichte also auch auf der Mikroebene der Erzählung, also der Szenendramaturgie und Dialoge. Auf der Ebene der Geschichte hilft diese Frage herauszufinden, was die größte Angst der Hauptfigur ist, mit der sie konfrontiert werden muss, um sich zu verändern, um ihren Charakter zu entwickeln. Auf der Mikroebene hilft sie, das Konflikt- und Spannungspotenzial einer Szene auszuschöpfen.

Wenn das Schlimmste für die Hauptfigur wäre, erschossen zu werden, dann nimmt man natürlich das Zweitschlimmste. Die Geschichte muss ja irgendwie weiter gehen. Daniel hätte auch im Fluss ertrinken können. Nur wäre dann halt die Geschichte vorbei gewesen.

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