Theorie tl;dr: Über die Befreiung vom Wort

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute das Kapitel „Der sichtbare Mensch“ von Béla Balázs aus seinem Werk Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

#Balázs: #Film, #Filmsprache, #Gebärdensprache ist Ausdruck der Sehnsucht nach verstummter, vergessener, unsichtbar gewordener Leiblichkeit. — Arno (@filmschreiben) 18. Februar 2015

(Anmerkung: Balázs spricht von 1924 Gebärdensprache; um Verwirrung mit unserem heutigen Verständnis des Begriffs zu vermeiden, schreibe ich im Folgenden von Körpersprache.)

In 50 Worten (Was ist das?): Nachdem der Buchdruck für den Menschen eine kulturelle Wende hin zur intellektuellen Wahrnehmung und Verständigung durch unsichtbares, entmaterialisiertes Wort, Begriff, Abstraktion bedeutete, bringt der Film ihm den unmittelbaren, visuellen (und irrationalen) Ausdruck und das Lesen des Geistes durch den stummen, wortlosen menschlichen Körper (seine Formen, Bilder, Mienen, Gebärden) wieder nah.

Die Erkenntnis: Dafür, das wir uns filmschreiben nennen, sind bei Theorie tl;dr bisher viel zu wenig Drehbuchautoren zu Wort gekommen. Béla Balázs (Wikipedia) soll das für uns ändern!

Wie Umberto Eco vor zwei Wochen (Theorie tl;dr: Über Darstellen und Darstellen) betont Balázs Körperlichkeit und Körpersprache als primären Ausdruck des Films (Eco bezog sich auch aufs Theater; Balázs 1924 auf den Stummfilm), und preist ihn als eine Rückkehr zur unmittelbaren Verständigung und Befreiung vom vermittelnden, nur mit inhaltlichen Verlusten übersetzenden Wort.

In diesem Zusammenhang spricht er vom sichtbaren und unsichtbaren Menschen. Unsichtbar deshalb, weil wir uns statt über unsere eigentlich sichtbaren Körper nur über Worte verständigen, also zum einen blind für die Körper Anderer sind und zum anderen unseren eigenen Körper nicht nutzen, weil uns dessen Sprache fremd ist. Während das Wort alle Bedeutung trage, sei unser eigener Körper „leer“.

Das Zitat:

Psychologische und logische Analysen haben es erwiesen, dass unsere Worte nicht nur nachträgliche Abbilder unserer Gedanken sind, sondern ihre im Vorhinein bestimmenden Formen. Zwar reden schlechte Dichter und Dilettanten viel von ihren unaussprechlichen Gefühlen und Gedanken, in Wahrheit ist es aber so, dass wir nur sehr, sehr selten Dinge denken können, die man nicht aussprechen kann, und dann wissen wir erst nicht, was wir gedacht haben.

Von besonderem Interesse ist vielleicht, dass Balázs schon 1924 auf die logische Konsequenz eines internationalen Filmmarkts hinweist: Eine internationale Filmsprache, was bei ihm einer internationalen Körpersprache entspricht. (Während Eisenstein unter Filmsprache Montage versteht, s. Theorie tl;dr: Über Bild- und Filmkomposition.) Da das Publikum aus dieser Sprache auch seine eigene Sprache lerne, müsste bald diese internationale Körpersprachen regionale, kulturell abweichende Körpersprachen dominieren und verdrängen. Die Kultur der Filmemacher (weiß, darauf weist schon Balázs hin; männlich und heterosexuell, darauf noch nicht) werde so andere Kulturen verdrängen:

Der Kinematograph ist eine Maschine, die, auf ihre Art, lebendigen und konkreten Internationalismus schafft: die einzige und gemeinsame Psyche des weißen Menschen.

Das letzte Wort: Ab ins Kino!

Noch einige Jahre guter Filmkunst und die Gelehrten werden vielleicht darauf kommen, dass man mit Hilfe des Kinematographen das Lexikon der Gebärden und der Mienen zusammenstellen müsste wie das Lexikon der Worte. Das Publikum wartet aber nicht auf diese neue Grammatik künftiger Akademien, sondern geht ins Kino und lernt von selbst.

Béla Balázs: Der sichtbare Mensch. In: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films, 1924. Eine englischsprachige Fassung gibt es bei Google Books.

We can cover that by a line of dialogue...

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