Erzählen in der Therapie, Erzählen als Therapie – Ein Aufruf zur Diskussion an die filmschreiben-Community

Die Schöpferkraft eines Autors folgt leider nicht immer seinem Willen; das Werk gerät, wie es kann, und stellt sich dem Verfasser oft wie unabhängig, ja wie fremd, gegenüber. - Sigmund Freud [1]

Liebe Filmschreibende,
als Psychotherapeut darf ich tagtäglich Zuhörer, Zeuge und Co-Autor der interessantesten, intensivsten und wahrsten Geschichten sein, die Menschen erzählen können – ihrer eigenen Lebensgeschichten.

Was kann die Therapie vom fiktionalen Schreiben lernen?

Ich glaube, wenn man Therapie (auch) als das Erzählen wahrer Geschichten begreift, kann man von professionellen Geschichtenerzählern viel lernen. Diese Möglichkeit möchte ich im Folgenden nutzen.

Welches Wissen über Storytelling, Erzählstrukturen, Figurenentwicklung und Dramaturgie wäre für uns Therapeuten hilfreich? Was sollten wir wissen, was können wir nicht können? Was kann die Therapie vom fiktionalen Schreiben lernen, worin unterscheiden sich die beiden grundlegend und unvereinbar?

Um die Diskussion zu eröffnen, möchte ich zunächst einmal erklären, wie ich Therapie als das Erzählen von Geschichten verstehe.
Patientinnen und Patienten [2] erzählen in Psychotherapien mindestens ihre Krankheits-, je nach Therapierichtung aber auch mehr oder weniger ausführlich ihre Lebens-, Liebes-, Beziehungs-, (Miss-)Erfolgs- und Persönlichkeitsentwicklungsgeschichten. Diese Erzählungen sind immer subjektiv, erinnert, gefiltert, selektiert und interpretiert:

We don´t see things as they are, we see them as we are. - Anaïs Nin [3]

Und dennoch sind die Geschichten, ist die persönliche Geschichte, nicht ohne diese Erzählungen erfahrbar, da die vollständige, unmittelbare persönliche Geschichte eines anderen Menschen nur durch seine und anderer Erzählungen über seine Geschichte (re-) konstruiert werden kann. Ohne Geschichte keine Erzählung, ohne Erzählungen keine Geschichte.

Ohne Geschichte keine Erzählung, ohne Erzählungen keine Geschichte.

Für die Erzählungen von Patienten in Therapien wird schon seit Längerem der, jüngst zu Popularität auch über den psychotherapeutischen Kontext hinaus gelangte, Begriff Narrativ verwendet.
Laut Wikipedia, ist ein Narrativ „eine Äußerung, die sich auf etwas Historisches bezieht, die sowohl Inhalt als auch Subtext transportiert und deren Funktion es ist, Erlebtes in bekannte Kategorien zu bringen“. Folglich eine Erzählung, die neben einer konkreten Oberflächenhandlung auch eine tieferliegende persönliche (Entwicklungs-) Geschichte erzählt, die allerdings in weiten Teilen erst erschlossen werden muss.

Psychoanalytiker wie Carl Gustav Jung und Erich Fromm verglichen die Geschichten, welche Patienten über sich selbst erzählen auch mit Mythen.

„Genau wie der Traum bietet auch der Mythos eine Geschichte, die sich in Raum und Zeit abspielt, eine Geschichte, die in symbolischer Sprache religiöse und philosophische Ideen, Erfahrungen der Seele ausdrückt, in denen die wahre Bedeutung des Mythos liegt.“ - Erich Fromm [4]

In diesem Sinne erzählen Patienten – eigentlich alle Menschen, die über sich selbst sprechen (oder schreiben) – ihren persönlichen Mythos.

Ausgehend von dieser Tatsache entwickelten die aus der systemischen Familientherapie kommenden Therapeuten Michael White und David Epston die Methode der Narrativen Therapie, welche sich auf das – wie beschrieben in allen Therapierichtungen bedeutsame – Element des Erzählens der eigenen Geschichte als Kern der therapeutischen Vorgehens fokussiert. [5] [6]

Narrative Therapie erlaubt ein respektvolles Spielen mit der eigenen Geschichte.

Narrative Therapie steht – so zumindest meine, vielleicht von White und Epston bestrittene Position – nicht als eigenständige, vollumfängliche Therapiemethode in Konkurrenz zu den klassischen, umfänglich wissenschaftlich fundierten und evaluierten Psychotherapieschulen [7]. Aber sie lässt sich in einigen Fällen als Methode in diese konstruktiv und kreativ integrieren, sofern Therapeut und Patient eine gemeinsame Begeisterung, oder zumindest ein hinreichendes Interesse, am gemeinsamen Erzählen entwickeln können. Narrative Therapie erlaubt ein respektvolles Spielen mit der eigenen Geschichte und da Psychotherapie von, für und mit Menschen gemacht wird, sollten spielerische Elemente, neben Ernsthaftigkeit und Raum für Leiden, immer ein Teil von ihr sein [8], bzw. muss die Fähigkeit zum spielerischen Umgang mit der eigenen Geschichte in ihr oft hart (neu) erarbeitet werden.

Im Folgenden möchte ich in aller Kürze die Grundzüge der narrativen Therapie nach White und Epston darstellen. Die Grundannahme ist, wie bereits oben ausgeführt, dass Menschen ihr Leben als ihre Geschichte erinnern und diese in Erzählungen verstehen, organisieren und mitteilen, und dass dies selbstverständlich auch für die Geschichte der/des für den Wunsch nach Therapie ausschlaggebenden Krankheit/Problems gilt.

Ausgehend von dieser konstruktivistischen Grundannahme zeichnet sich das therapeutische Vorgehen durch folgende Haltungen und Interventionsschritte aus [9]:

1. Der Patient wird eingeladen, ermutigt und dabei unterstützt, seine Geschichte und seine Geschichten zu erzählen. Der Therapeut nimmt auf die Erzählung des Patienten zunächst wenig Einfluss. Auf diese Weise entsteht beim Therapeuten eine immer tiefere Einsicht in die Geschichte und die Geschichten des Patienten und auf dessen Seite zunehmend die Wahrnehmung von Interesse, Wohlwollen, Verständnis und Nicht-Wertung durch den Therapeuten [10].

2. Worauf der Therapeut jedoch bereits in dieser Phase des Erzählens der gängigen, vorherrschenden, diesem oftmals bis zur gefühlten Alternativlosigkeit vertrauten, Erzählungen des Patienten nach und nach Einfluss zu nehmen versucht, ist die Sprache, in welcher der Patient die Geschichte seiner Krankheit/seines Problems erzählt. Nach dem Grundsatz: Nicht die Person ist das Problem, das Problem ist das Problem, wird vom Therapeuten eine externalisierende Sprache und Haltung eingeführt und gefördert, die das Ziel hat, das Problem außerhalb der Person zu lokalisieren, beide gleichsam voneinander zu trennen und somit nicht nur eine Distanzierung und erste Entlastung von Scham- und Schuldgefühlen zu ermöglichen, sondern vor allem auch die Grundlage dafür zu schaffen, das Problem/das Symptom/die Krankheit im weiteren Verlauf als Antagonisten alternativer Narrationen etablieren zu können. Statt „Ich bin depressiv“ oder „ich bin ängstlich“, könnten Formulierungen lauten: „Ich habe eine Depression bekommen“, oder besser noch: „Die Angst hat sich in mein Leben gedrängt“.

3. Ist das Problem zunehmend externalisiert, kann dessen narrative Analyse fortschreiten: Was sind die Eigenschaften und Motive des Problems? Wie geht es vor? Was will es? Welchen Einstellungen, Werten, Grundannahmen folgt es? Auch die Geschichte, i.e. Vergangenheit des Problems wird exploriert: Wann hat sich das Problem in mein Leben gedrängt? Wann habe ich es erstmals bemerkt und welche Erscheinungsform hatte es damals? Wann und wie hat es mich ge- und enttäuscht? Wie hat das Problem meine Beziehungen zu anderen unterminiert, diese gegen mich aufgebracht oder von mir entfremdet? Und so weiter. Hier beginnt sich bereits das kreative Potential der Methode zu zeigen und es wird deutlich, dass ein reiches Wissen über narrative Strukturen und Storytelling dem Therapeuten dabei helfen könnte, den Patienten bei der Exploration und Erzählung seiner Geschichten zu unterstützen.

4. Ist das Problem als Antagonist besser verstanden und klarer konturiert, beginnt dessen Dekonstruktion. Damit ist gemeint, dass das Problem in einen rational kausalen Kontext gestellt und dadurch entmystifiziert wird. Das Problem ist nicht aus dem Nichts gekommen, ist nicht Schicksal oder kosmische Strafe. Das Problem konnte nur entstehen und überleben in einem Kontext fördernder und aufrechterhaltender Bedingungen. Eine Essstörung beispielsweise profitiert von einem Gesellschaftsmodell der Selbstoptimierung und einem auf Dünnsein reduzierten Frauenideal [11] und wird vielleicht durch ein emotional distanziertes und auf Leistung und Gehorsam ausgerichtetes Familiensystem unterstützt. Aber auch eigene Annahmen oder Verhaltensmuster können dem Problem den Weg geebnet oder Hintertüren geöffnet haben.

5. Je länger und umfänglicher das Problem als Antagonist mit eigenen Motiven, Methoden, eigener Entwicklungsgeschichte und spezifischen Kontextbedingungen sowie mit vielfältigen Auswirkungen auf Leben und Beziehungen des Patienten exploriert und seine Geschichten erzählt werden, umso eher blitzen Begebenheiten oder Erzählstränge auf, die offenbar gar nicht in das Hauptnarrativ passen. Solche singular events (ich nenne sie gerne „unerhörte Begebenheiten“) wird der Therapeut aufmerksam registrieren und markieren, da der Patient sie in den Erzählungen seines Lebens zugunsten des Hauptnarrativs zu übersehen tendiert. Wessen Hauptnarrativ ist, dass er den anderen sowieso immer egal sei, der wird vielleicht übersehen, dass sich vorsichtige Kontaktangebote anderer in seiner Erzählung finden lassen. Wer Protagonist einer Erzählung ist, in der immer alles misslingt, der mag kleinen Erfolgserlebnissen gegenüber unaufmerksam geworden sein usw.

6. Singular events sind der Ausgangspunkt neuer, alternativer Erzählungen. Dazu müssen sie zunächst erkundet werden: Wie konnte es dazu kommen? Welche Grundannahmen und Narrative werden dadurch infrage gestellt? Gibt es Zeugen? Wie würden diese Zeugen die unerhörte Begebenheit erklären (Hier ergibt sich die Möglichkeit, sich selbst aus einer weniger negativistischen Außenperspektive zu betrachten)? Wer im sozialen Umfeld des Patienten wäre gar nicht überrascht über diese unerhörte Begebenheit? Wie hat das Problem versucht, die unerhörte Begebenheit zu verhindern und warum ist ihm dies nicht geglückt? Lassen sich gar weitere, ähnliche singular events finden? So werden die Grundsteine für neue, alternative Erzählungen gelegt.

7. Diese neuen Erzählungen können und sollen nun im weiteren Therapieverlauf entstehen. Bisher verborgene Themen, Motive und (innere) Figuren sollen entdeckt, bisher kaum wahrgenommene Nebenhandlungen zu bedeutsamen Handlungssträngen ausgearbeitet werden. Neue Erzählperspektiven und Interpretationsansätze dürfen entstehen. Die narrative Landkarte wird immer weiter erschlossen und die eigene(n) Lebensgeschichte(n) kreativ und neugierig erkundet. Das Entdecken und Erzählen neuer, neuartiger Geschichten alleine heilt zwar keine psychischen Krankheiten, es kann jedoch Selbstvertrauen, Einsicht, Motivation, Aktivierung und Kreativität fördern und somit den Ausgangspunkt der notwendigen Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln bilden.

Wie alle guten Geschichten, erzählen auch die in der Therapie entstehenden Narrative von archetypischen, gleichsam universellen menschlichen Themen: Vom Kampf gegen widrige Umstände, von der Reifung durch Trauer und Leid, von Durchhaltevermögen, Weiterentwicklung, Abschied und Neuanfang. Von Widerstandskämpfern, Drachentötern, Helden und Reisenden.

Die in der Therapie entstehenden Narrative erzählen von archetypischen, universellen menschlichen Themen.

Der Therapeut begreift sich hierbei in der narrativen Therapie als Geburtshelfer [12] der innerlich bereits vorhandenen, aber zuvor verborgenen, unerzählten Geschichten des Patienten. Aber vielleicht können Therapeuten hier, wenn sie es mit dem Erzählen ernst meinen, noch mehr tun. Können/sollten wir uns als Dramaturgen, Stoffentwickler, Regieassistenten, Lektoren… der Geschichten unserer Patienten begreifen?
Vielleicht können Psychotherapien auch noch viel mehr literarische Sublimierungen hervorbringen, ähnlich wie es für bildende Kunst, durch die inzwischen gut etablierte Disziplin der Kunsttherapie, die sich aber eben auch meist auf bildende Kunst beschränkt, selbstverständlich ist.

Wie können wir unsere Patienten dabei unterstützen, ihre eigene persönliche Sprache und Erzählform zu finden. Wie können wir archetypische Motive und narrative Muster in den Erzählungen des Patienten erkennen und mit ihm gemeinsam ausbauen und deuten. Wie wichtige Plotpoints verstehen und zentrale Charakterisierungen ausarbeiten und so weiter…

Also, liebe Filmschreibende, was möchtet ihr uns sagen? Was können wir voneinander lernen? Lasst und diskutieren!

Anmerkungen

[1] Freud, Sigmund (1939). Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Amsterdam: De Lange.

[2] Der Einfachheit halber ab sofort nur noch in männlicher Form, gemeint sind immer alle Geschlechter.

[3] Dieses Zitat wird der amerikanischen Schriftstellerin Anaïs Nin zugeschrieben, wobei umstritten ist, ob sie es als erste geprägt hat.

[4] Fromm, Erich (1951). Märchen, Mythen, Träume. Rowohlt-Taschenbuch. S.130

[5] White, Michael & Epston, David (2013). Die Zähmung der Monster. Der narrative Ansatz in der Familientherapie. 7. unveränderte Auflage. Carl-Auer Verlag GmbH. Im Original erschienen unter dem Titel: Narrative Means to Thearpeutic Ends (1990), New York: W.W. Norton & Co.

[6] White, Michael (2010). Landkarten der narrativen Therapie. 1. Auflage. Carl-Auer Verlag GmbH. Im Original erschienen unter dem Titel: Maps of Narrative Practice. New York: W.W. Norton & Co.

[7] Im deutschen GKV-System sind dies Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie. Inhaltlich sind sicherlich auch die systemische Familientherapie und die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie dazuzuzählen.

[8] Hierfür gibt es viele gute Argumente, es soll aber an dieser Stelle das grundlegendste genügen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Quelle: Schiller, Friedrich (1795). Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, 15. Brief.

[9] Nach: Morgan, Alice (2000). What is Narrative Therapy? An easy-to-read introduction. Adelaide: Dulwich Centre Publications. Übersetzung und Zusammenfassung von Gaby Müller-Moskau (2001) MFK Münchner Familien Kolleg. – mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin Cheryl White.

[10] Die therapeutische Wirkung ungeteilter, passiv-gleichschwebender Aufmerksamkeit beschreibt Michael Gerard Bauer in seinem Jugendroman Running Man: „Anfangs war Joseph befangen und sprach nur zögerlich, doch Tom Leytons Miene war weder Kritik noch überhaupt ein Urteil zu entnehmen, und so spürte er zunehmend, wie seine so lange verborgen gehaltenen geheimen Gedanken und Worte von dem Vakuum aus Schweigen angesogen wurden“. Bauer, M.G. (2009). Running Man. München: dtv.

[11] In einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) gaben 71% der befragte Mädchen und jungen Frauen mit Essstörungen an, von einer Fernsehsendung bei der Entstehung und Aufrechterhaltung ihrer Krankheit beeinflusst worden zu sein, davon entfielen 39% auf die Sendung Germanys Next Topmodel. Quelle: Goetz, Maya; Mendel, Caroline; Malewski, Sarah: „Dafür muss ich nur noch abnehmen“. Die Rolle von Germany’s Next Topmodel und anderen Fernsehsendungen bei psychosomatischen Essstörungen. TelevIZIon, 28/2015/1, S. 61-67.

[12] Sokrates wählte die Metapher der „Hebammenkunst“ für seine Methode des inzwischen sprichwörtlichen sokratischen Dialogs, bei dem der Philosoph als Fragender in einer Haltung des Nicht-Wissens den Befragten zu eigener Einsicht führen solle. Beschrieben wurde die Methode durch Platon, nachzulesen z.B. in: Martens, Ekkehard (2012): Platon: Theätet. Durchgesehene und ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam.

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