In Bildern erzählen – atmosphärisch schreiben

Anders als ein Roman, der den Leser mit dicht erzählten, ausschweifenden Passagen in die Geschichte hineinziehen kann, bildet ein Drehbuch eine eher rudimentäre Form des Erzählens ab. Drehbücher sind reduziert; sie enthalten nur, was wirklich notwendig ist, und verzichtet auf blumigen Schnickschnack. Häufig steht der Dialog im Mittelpunkt, der ausgeschriebene Text dazwischen wird auf knappe Regieanweisungen heruntergebrochen.

Und dennoch muss ein Drehbuch es schaffen, seinen Leser mit auf die Reise zu nehmen, und zwar von der ersten Seite an. Mit wenigen Worten wollen Bilder erzeugt, Atmosphäre geschaffen werden, die dem Leser ein Gefühl dafür vermitteln, mit welcher Art Film er es zu tun hat. Wie aber lassen sich Stimmung und Atmosphäre in das Drehbuch hineinbringen, wenn es doch darum geht, sich so kurz wie möglich zu fassen?

In der Kürze Atmosphäre aufbauen – geht das?

Viele Menschen, die ein Drehbuch lesen – insbesondere wenn sie es aus beruflichen Gründen tun – wissen, wie sie mit einem Drehbuch umzugehen haben. Es ist die Folie, auf der sich Bilder aufbauen lassen, doch der Leser muss noch einen Teil der Arbeit selbst leisten. Während sich im Roman durch atmosphärische Sprache die Bilder ganz von selbst ergeben, weil sehr genau beschrieben werden kann, was der Leser vor seinem inneren Auge sehen soll, bildet das Drehbuch nur eine Art Grundgerüst, das jeder anders füllen kann.

Drehbuchleser sind in der Regel an das Drehbuchlesen gewöhnt – Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler wissen, dass das, was sie vor sich haben, eine Art Gebrauchsanweisung für den fertigen Film ist, der aber vollkommen unterschiedlich ausfallen kann. Je nachdem, wer ihn produziert, wer Regie führt, wer ihn spielt, bringt jeder Beteiligte seine eigene Interpretation mit.

Ein Drehbuch zu schreiben, ist also ganz schön gewagt. Wir können nicht wissen, ob diejenigen, die unser Buch in die Finger bekommen, dieselben Bilder im Kopf haben wie wir, als wir es geschrieben haben. Und doch möchten wir natürlich genau dieses Bild, diese Atmosphäre, diesen Charakter so vermitteln, dass nicht 100 gänzlich verschiedene Interpretationen dabei herauskommen, sondern vielleicht nur zehn, im besten Fall zwei oder drei. Es muss also einen Weg geben, auch in der Kürze klarer Regieanweisungen eine Stimmung aufzubauen und eine Atmosphäre zu erschaffen, die das heraufbeschwört, was wir in der Entwicklung und beim Schreiben vor uns gesehen haben.

In Regieanweisungen und Dialog Bilder erzeugen

Bis aus einem Drehbuch ein Film gemacht wird, ist es ein weiter Weg. Und weil Produzenten und Redakteure – die, die in der Regel als erstes unser Buch zu lesen bekommen – wenig Zeit haben und viele, viele Drehbücher lesen müssen, müssen wir es schaffen, schon auf den ersten Seiten atmosphärisch dicht zu erzählen. Nur wenn wir den Leser auf den ersten Seiten, in den ersten Szenen einfangen, hat unser Drehbuch eine Chance, überhaupt angenommen und ein guter Film zu werden.

Wir müssen also Bilder erzeugen. Auch wenn die Sätze knapp konzipiert sind, müssen sie die Atmosphäre des Augenblicks direkt auf den Leser übertragen, und müssen ihm sofort klarmachen, mit welchem Genre, mit welcher Art von Geschichte er es zu tun hat. Düstere Atmosphäre in einem Krimi, heitere Stimmung in der Komödie, bissig-schwarzer Humor in der Satire, futuristische Hoffnungslosigkeit in der Dystopie – ist es so einfach? Oder wollen wir eine Atmosphäre aufbauen, die vielschichtiger ist, zwar ein Genre transportiert, aber auch Raum lässt für gegensätzliche Stimmungen, und die gebrochen werden darf?

Wenn wir in Bildern erzählen, haben wir alle Möglichkeiten, unseren Leser mitzunehmen. Schon mit wenigen Sätzen können wir klarmachen, in welcher Situation wir uns in der jeweiligen Szene befinden, in welche Stimmung unsere Charaktere hineinkommen, wie sie selbst gestimmt sind. Die Beschreibung einer trostlosen, industriellen Gegend im Nieselregen macht ein ganz anderes Bild auf als der weitläufige Blick über eine im Sonnenschein liegende Alm, auf der nur leiser Glockenklang zu hören ist, wenn sich ein Kuh bewegt. Sofort wissen wir, wo wir sind, und stellen als Leser auch gleich Erwartungen an das Folgende auf. Diese zu erfüllen oder zu brechen, ist Teil des Genres und liegt in unserer Hand.

Trotzdem wollen wir im Drehbuch in der Regel keine Zeit mit langen, einleitenden Beschreibungen verschwenden – außer wir erzählen den Sonderfall, wo genau das Teil des Konzepts ist. Während der Leser die Welt, in der sich die Figuren befinden, entdeckt, sie vielleicht sogar mit den Figuren entdeckt, weben sich bereits Handlung und Dialog hinein, und natürlich können, ja, sollten auch diese nicht nur Informationen, sondern auch Atmosphäre tragen. Dialog besteht vordergründig aus dem, was die Figur tatsächlich sagt, aber dahinter lassen sich noch andere Informationen verbergen: Wie ist die Figur gestimmt? Kann sie frei sprechen? Wählt sie ihre Worte mit Bedacht? Aus welcher Gesellschaftsschicht kommt sie? In welchem Verhältnis steht sie zum Dialogpartner? All diese Schichten lassen sich im Dialog, nicht zuletzt über den unausgesprochenen Subtext, einbinden, und erzeugen gleichzeitig Bilder, Stimmung und Atmosphäre.

Und über den Dialog hinaus können wir natürlich auch auf ganz klassische Art und Weise Atmosphäre erzeugen, wie sie schon Edgar Allen Poe und Alfred Hitchcock meisterlich einzusetzen wussten. Die Tageszeit, das Wetter, auffällige Geräusche und der Einsatz von Musik können uns helfen, die Atmosphäre deutlich in Szene zu setzen. Dabei dürfen wir nur eins nicht vergessen: Uns kurz zu fassen.

3 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Daniel Danzer sagt:

    Erinnert mich an meinen Workshop für junge Filmemacher zum Thema: „Regieanweisung“. Tatsächlich gibt es kaum ein Drehbuch-Buch, das sich dieser Frage mal etwas tiefer widmet. Faustregel ist: Der Text benötigt zum Lesen so lange, wie der Film am Ende ist. Das ist bei den Dialogen ohnehin so, sollte aber auch bei den Regieanweisungen beherzigt werden.
    Außerdem u.a.:
    – Pro „Einstellung“ ein Absatz. Das macht es dem Leser leichter, „Schnitte“ zu lesen und Perspektivwechsel in seinem Hirn anzuleiern.
    – Technischen Kram komplett sein lassen (später im Drehskript kann man in Zusammenarbeit mit Regie/Kamera solcherlei hinzufügen), also nicht „Schnitt auf:“ oder „Die Kamera nähert sich …“, „Close up: …“
    – Auch rauswerfen: „Wir befinden uns in …“ und dergleichen – das sind alles Dinge, die ohne Worte schon deutlich sind und nur den Text aufblasen.
    – Passivkonstruktionen wie „er wird von den Massen umgerannt“ sind auch unschön – aktiv ist immer besser: „Die Massen rennen ihn um.“
    – Die strikte Gegenwart des Textes gilt auch für so literarische Konstruktionen wie „nachdem er dies getan hat, tut er das,“ oder „Erst tut er dies, dann das, dann das.“ Rauswerfen, weil Wörter wie „danach“, „bevor“, „dann“ usw. auf eine andere Zeit verweisen, die im Filmaugenblick nicht existiert, selbst wenn sie erst kurz vergangen oder in sofortiger Zukunft liegt.
    – Zuguterletzt das allerschlimmste (steht aber hier glaube ich auch anderswo schon), sozusagen Sünde #1: Überinterpretation innerer Vorgänge. In die Regieanweisungen gehört AUSSCHLIESSLICH das, was der Zuschauer sieht oder hört. Was jemand denkt, hat dort nichts verloren, denn das ist für Schauspieler nicht darstellbar. Einfache Übung: Beim Schreiben die Rollen spielen. Wenn man erst einmal sein Gesicht krampfhaft verrenkt hat beim Versuch, den Satz „Er schaut sie an und versteht alles: Sie hat ihn betrogen und Martin ist Schuld am Tod seiner Tochter“ mimisch darzustellen, ist er ganz schnell gelöscht. Die goldene Regel: „Show, don’t tell“ gilt nicht nur für die Verlagerung der wichtigsten Aspekte in die Handlung statt in den Dialog, sondern noch wichtiger: In Handlungen, die das transportieren, was ich erzählen will.
    Dies alles führt zu zunächst einmal eher trockenen Texten. Reinen Beschreibungen in kurzen Sätzen, was zu sehen und zu hören ist. Sonst nichts. Und das ist gut so. Die perfekte Wortwahl sorgt dann für das bildhafte Erlebnis.

    5. Dezember 2016
    Antworten
    • Christine Pepersack sagt:

      Gute Ergänzungen – danke! Das Thema wird in den kommenden Wochen, während wir uns mit dem konkreten Schreiben des Drehbuchs auseinandersetzen, immer wieder mal aufkommen. Dein Kommentar fasst das Thema Regieanweisungen sehr schön zusammen und bringt das „Problem“ Regieanweisung noch mal auf den Punkt.

      6. Dezember 2016

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