Theorie tl;dr: Über Ratlosigkeit

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute die Kapitel I. bis IX. aus dem Essay „Der Erzähler“ von Walter Benjamin. Ich beschränke mich auf die erste Hälfte des Essays, damit mir überhaupt die Möglichkeit gegeben ist, den Inhalt zusammenzufassen.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Erzählen bedeutet Erfahrung weitergeben, eigene oder wiedererzählte. Sie wird dadurch Erfahrung der Rezipienten der Erzählung und weiß ihnen weisen Rat. Doch Autoren befassen sich in ihren Stoffen (laut Benjamin) nicht (mehr) mit Erfahrungen, eigenen oder erzählten, sondern mit Ratlosigkeit. Die psychologisch individuelle Handlung verhindert zudem die exemplarische Funktion der Erzählung.

Die Erkenntnis: Benjamin sagt, eine Erzählung sei ein Rat, in den Stoff gelebten Lebens eingewebter Rat, Weisheit. Und dieser Rat bestünde nicht in der Antwort auf eine Frage, sondern in dem Vorschlag über den Fortgang der Geschichte. Antworten sind Erklärungen, sind Information, nicht Erzählung. Und Informationen verlieren für uns ihren Wert in dem Moment, in dem sie (uns mit-) geteilt wurden, Erzählungen aber entfalten sich über Zeit in uns: Eine Erzählung rezipieren wir gern ein weiteres Mal, eine Zeitungsmeldung hingegen nicht.

Das ist für Benjamin Grund zur Kritik: Zum einen, weil sich Autoren mehr mit Ratlosigkeit als mit Erfahrungen befassten, und deshalb ihre Geschichten den Rezipienten keine Weisheit bieten könnten. Zum anderen, weil Handlungen nicht mehr durch eine allgemeine Kausalität sondern die individuelle Psychologie der Figuren begründet würden: Diese Figuren könnten so nicht mehr ein Beispiel sein, was wieder die ratgebende Funktion der Erzählung untergräbt. Und sie werden aber in ihrer Psychologie erklärt, unsere Fragen über sie werden beantwortet, sie gewinnen an informativem Wert und verlieren dadurch an erzählerischer Kraft.

Ich bin medien- und literaturwissenschaftlich nicht im Mindesten beschlagen genug, um Benjamins Essay ein- und zuzuordnen, und einzuschätzen über was für eine Ratlosigkeit und was für ein psychologisches Erklären er spricht. Ratlosigkeit ist mir in Geschichten sehr viel wert; erst Ratlosigkeit kann doch eine Suche nach Orientierung begründen.

Bei den Erklärungen möchte ich ihm, soweit ich das verstehe, Recht geben, und gerade im Fernsehen besteht das Problem noch: Wir müssen als Rezipienten die Gründe einer Figur nicht unbedingt kennen, doch genau das wird verlangt. Wir müssen nur wissen, dass sie welche hat. Informationen verlieren ihren Wert, wenn sie registriert wurden; Erzählungen entfalten ihre Kraft über Zeit, wir sollten ihnen diese Kraft nicht nehmen.

Das Zitat:

Es ist nämlich schon die halbe Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie wiedergibt, von Erklärungen freizuhalten. […] Das Außerordentliche, das Wunderbare wird mit der größten Genauigkeit erzählt, der psychologische Zusammenhang des Geschehens aber wird dem Leser nicht aufgedrängt. Es ist ihm freigestellt, sich die Sache zurechtzulegen, wie er sie versteht, und damit erreicht das Erzählte eine Schwingungsbreite, die der Information fehlt.

Das letzte Wort:

Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn. Seine Nester – die Tätigkeiten, die sich innig der Langeweile verbinden – sind in den Städten schon ausgestorben, verfallen auch auf dem Lande. Damit verliert sich die Gabe des Lauschens, und es verschwindet die Gemeinschaft der Lauschenden.

Walter Benjamin: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. 1936. Gemeinfrei, als PDF zum Beispiel bei der Zuercher Hochschule der Künste zu lesen. Da solche Quellen immer mal wieder offline gehen, werden wir den Text möglicherweise bald auch hier bei uns anbieten.

We can cover that by a line of dialogue...

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