Zum Begriff der »Leitkultur«

Ein Umgang mit dem Begriff »Leitkultur«, ob ich ihn nur lese oder wie jetzt darüber schreibe, ihn im ersten Fall verstehen will und im zweiten Fall verstehen muss, fällt mir schwer. Ich kann ihn nicht ignorieren: Ich bin Autor, Interesse ist das Prinzip meiner Arbeit, Ignoranz mein erklärter Gegner. Und er ignoriert mich ja auch nicht, nein, im Gegenteil, er spricht zu mir, fordert mich heraus: Als Kulturschaffender, so großmundig mir dann auch dieser Begriff erscheinen mag, muss ich mich zur »Leitkultur« doch positionieren können.

Oder? Kultur kann vieles bedeuten: Ein beliebiger Stuhl ist Kultur, im Gegensatz zum Holz, aus dem er besteht, das Natur ist. Ein paar andere Stühle sind etwas mehr Kultur, weil sie neben ihrer bloßen Funktion Ergebnis einer Ästhetik sind, die selbst kein Gegenstand, aber ebenfalls Kultur ist. Wird er genutzt, dieser Stuhl, kann das Geschichte schreiben, die ist Kultur. Wird er gemalt, dieser Stuhl, ist das Bild von ihm Kultur. Der Begriff »Stuhl« ist Sprache, ist Kultur, wie »Kultur«. Mein Eindruck: Kultur ist, dem wir Bedeutung geben.
Wir nehmen Einfluss auf die Werte unserer Gesellschaft
Der »Leitkultur« hat der syrischstämmige Politologe Bassam Tibi ihre Bedeutung gegeben: Der Wertekonsens einer Gesellschaft. Das ist sehr abstrakte Kultur, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass ein Wertekonsens das Ergebnis meiner Stuhlreihe ist, wie bei Picassos Ochsen. Ästhetik ist ebenfalls ein Wertekonsens, nur mit anderen Werten. Und hier haben wir unsere Bestätigung. Wenn »Leitkultur« der Wertekonsens einer Gesellschaft ist, dann betrifft sie uns Kulturschaffende, dann fordert sie uns tatsächlich heraus und wir müssen uns zu ihr positionieren: Denn wir nehmen Einfluss auf die Werte unserer Gesellschaft.

Diese Behauptung mag vielleicht etwas kühn wirken, aber gerade wenn es um das Erzählen von Geschichten geht, wie auf diesem Blog, können wir doch alle Geschichten nennen, die uns bewegt und verändert haben. Und es sind unsere Werte, die sie in uns bewegt und verändert haben. Diese große Macht bedeutet große Verantwortung (danke Onkel Ben, interessant welchen Weg dieser Satz durch unsere Kultur gemacht hat, zu dir und von dir zu uns), zum einen, sorgfältig damit umzugehen, zum anderen, sie aber auf jeden Fall zu verwenden.

Den Augenblick, in dem eine Geschichte uns verändert, kann man als Erkenntnis bezeichnen. Nicht zufällig, denn das ist der Begriff, den wir spätestens seit Aristoteles nutzen um den Augenblick zu benennen, in dem die Geschichte die Protagonistin verändert. Vielleicht nicht seine Handlungen, vielleicht nicht unsere Handlungen, aber zumindest seinen und unseren Blick darauf. Eine Erkenntnis lässt sich kaum rückgängig machen, ist nicht unserem Willen unterworfen.
Unsere Werte entstehen durch Vermittlung
Und wenn da eine Erkenntnis ist, muss es etwas Unerkanntes, Unbekanntes, Fremdes geben, das erkannt werden kann. Nach Aristoteles ist es eine Wiedererkennung: Das Fremde wird als das Bekannte erkannt, das es schon immer war. Geschichten sind Vermittlungen: Der Erzähler vermittelt zwischen denjenigen, denen er erzählt und jenen, über die er erzählt. Der Erzähler vermittelt das Fremde. Und das Publikum hat Interesse am Fremden, sonst hätte es kein Interesse an der Erzählung, am Erzählen an sich.

Wenn Kultur das ist, dem wir Bedeutung geben, dann entsteht Kultur erst durch das dem Gegenstand Fremde: durch uns. Bedeutung geben: Das ist Ergebnis von Kreativität. Das ist Ergebnis einer Idee, das ist Ergebnis einer Eingebung, und Eingebungen, Eingaben verlangen wiederum das Fremde, das eingibt. Wir Erzähler kennen das: In ihrer Stunde der Hilflosigkeit und Not suchen unsere Figuren Rat von Außen. In unserer Stunde der Hilflosigkeit und Not (Writer‘s Block) tun wir das ebenfalls.

Wenn Kultur also zur Abgrenzung statt zur Vermittlung genutzt wird, zum Beispiel zur Abgrenzung zwischen sozialen Klassen, wie das in unserer Geschichte so oft der Fall war, dann läuft das eigentlich wider, nun ja, ihrer Natur. Derjenige, der Kultur derart missbraucht, hat sie nicht verstanden und ist unfähig, in ihrem Namen zu reden. Und das gilt auch für »Leitkultur«. Wer eigene Werte über die des anderen stellt, hat nicht verstanden, dass unsere Werte erst durch Vermittlung entstehen.
Wer auf Fremdes mit Ignoranz statt Interesse reagiert, verweigert sich Kultur
Wer auf Fremdes mit Ignoranz statt Interesse reagiert, verweigert sich Kultur. Wer von der Identität einer Gesellschaft redet und dabei die Identität ihrer Mitglieder verleugnet, spricht nicht von der Identität einer Gesellschaft. Wer Leitkultur als Gegenbegriff zum Pluralismus verwendet ist selbsterfüllender Prophet, ist Schuld an dem „Scheitern von Multikulti,“ das er anzuprangern versucht, denn Multikulturalismus setzt Gleichberechtigung voraus. Und wer in gesellschaftlicher Funktion den Begriff »Leitkultur« leichtfertiger in den Mund nimmt als ich, befindet sich damit übrigens außerhalb meines Wertesystems.

Eine Entschuldigung: Es tut mir Leid, dass ich hier andere Künste neben dem Erzählen vernachlässigt habe. Es ist diejenige, die ich am besten verstehe. Auch Gemälde haben zwischen mir und etwas Fremdem vermittelt, haben mich berührt, bewegt und verändert. Diese Vernachlässigung ist leider auch Teil unserer Kultur: Deutsch ist Pflichtfach bis ins Abitur; Kunst- und Musikunterricht aber eine Frage von Glück oder Unglück (wie oft fragt sie „Ob“ und nicht „Wie“), von Film gar nicht zu sprechen. Danke, Leitkultur.

Bild: Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin 2016. Urheber: K. Weisser. Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE. Quelle: Wikimedia.

3 Comments

  1. Angela Grundt said:

    Das ist alles nur Bluff, was Du erzählst.
    Und Du weißt das selbst.
    Also, lass diesen Unfug.

    20. Oktober 2016
  2. Je höher der eigene Anspruch an Differenziertheit und Präzision, desto komplizierter und vielleicht auch sperriger der Text. Das macht ihn aber weder zum Bluff, noch zu Unsinn, sondern mutig und herausfordernd.

    23. Oktober 2016
  3. Ach schade. Nein, es ist kein Bluff. Die wiederholte leichtfertige Verwendung eines Wortes wie Leitkultur provoziert mich durchaus, persönlich und als Autor.

    Aus deinem Kommentar verstehe ich deine Haltung nicht. Du hast dich ja bisher auch für das Funktionieren von Geschichten interessiert: Dass Autoren Vermittler sind und Eingebungen von Außen kommen findest du in diesem Blog und in vielen anderen Gedanken über das Erzählen immer wieder. Das auch gesellschaftlich zu verstehen ist doch naheliegend.

    24. Oktober 2016

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