Drei-Akt-Struktur II: der erste Akt

Das konventionelle Modell, um eine Geschichte strukturell aufzubauen, ist die Drei-Akt-Struktur. Sie besteht aus drei Akten – die die drei Phasen eines Konfliktes, also Entstehung, Austragung und Auflösung, abbilden -, fünf sogenannten obligatorischen Ereignissen – die stattfinden müssen, damit der Konfliktaufbau optimal funktioniert – und sechs Erzählabschnitten, die zwischen den obligatorischen Ereignissen liegen und die Bewegungsrichtung des Protagonisten beschreiben.

Der zweite Akt – also die Austragung des Konflikts – macht ungefähr die Hälfte der Geschichte aus.

Drei Akte – fünf obligatorische Ereignisse – sechs Erzählabschnitte

Geschichte und Erzählung

Wichtig für das Verständnis der Funktionsweise der Drei-Akt-Struktur ist die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erzählung. In der Geschichte geht es um das WAS erzählt wird, um den Inhalt. In der Erzählung geht es um das WIE dieses Was erzählt wird, um die Form.

Das Drei-Akt-Modell strukturiert die Geschichte. Es beginnt mit dem chronologisch ersten und endet mit dem chronologisch letzten Ereignis, bildet also die kausalchronologische Reihenfolge der Ereignisse ab. Die Erzählung kann diese Chronologie aufbrechen und non-linear erzählen, ein Ereignis aus dem weiteren Verlauf der Geschichte an ihren Anfang setzen, in der Zeit hin und her springen und damit mehrere Zeitebenen etablieren usw..

Das Drei-Akt-Modell strukturiert die Geschichte, nicht die Erzählung.

In Anlehnung an Billy Wilders berühmtes Zitat „Aus einem guten Drehbuch kann man einen schlechten Film machen, aus einem schlechten Drehbuch aber niemals einen guten Film“ könnte man sagen: Aus einer guten Geschichte kann man eine schlechte Erzählung machen – eine gute Geschichte kann man schlecht erzählen -, aus einer schlechten Geschichte kann man jedoch niemals eine gute Erzählung machen. Deshalb ist es wichtig, zuerst die Geschichte sorgfältig zu entwickeln. Denn was in der Geschichte nicht funktioniert, funktioniert auch in ihrer Erzählung nicht.

Der erste Akt – Die Entstehung des Konflikts

Der erste Akt wird als Exposition bezeichnet. Ihre Aufgabe ist, dem Publikum ausreichend viele (aber auch nicht mehr) Informationen zu liefern, damit es sich in der Welt der Geschichte zu Recht findet. Die wichtigsten Figuren werden vor- und ihre Beziehung zueinander dargestellt. Im Zentrum stehen der Protagonist, sein Alltagsleben, sein Ziel und Bedürfnis, seine zentrale Charaktereigenschaft, sein soziales Umfeld etc. Außerdem werden das inhaltliche und das emotionale Thema, Atmosphäre, Genre und Stil der Erzählung etabliert.

Identifikation

Wichtig ist, dass das Publikum im ersten Akt die Möglichkeit bekommt, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren und Empathie zu entwickeln. Ein – vermutlich das effektivste – Werkzeug, dies zu bewerkstelligen, ist, der Figur ein „ungerechtfertigtes Leid“ (Ari Hiltunen) zustoßen zu lassen.

Das effektivste Werkzeug, um Identifikation zu erzeugen, ist das Leiden der Figur.

Ein gelungenes Beispiel hierfür ist BREAKING BAD: Obwohl Walter White nie geraucht hat, erkrankt er an Lungenkrebs. Aus diesem ungerechtfertigten Leid (das das auslösende Ereignis darstellt, siehe unten) entsteht sein Ziel und seine Motivation: Er will verhindern, dass seine Familie nach seinem Tod mittellos dasteht. Dieses ungerechtfertigte Leid und sein Kampf für einen hohen und wichtigen Wert – nämlich Familie – führen dazu, dass wir uns auch dann noch mit ihm identifizieren als er immer weiter in die Kriminalität abrutscht und seine Familie zusehends belügt.

Ein Beispiel, in dem es nicht funktioniert, ist TRUE DETECTIVE. Wir sehen zwar, dass Rust eine seelisch schwer verletzte Persönlichkeit ist und erfahren, dass seine Tochter gestorben und deswegen seine Ehe zerbrochen ist. Aber außer dass dieses Leid seinen Charakter erklärt (wobei wir nicht wissen, ob er nicht auch vorher schon so war), führt es zu nichts, gibt es seinem Handeln kein Ziel und keine Motivation, und bleibt damit folgen- und wirkungslos. Identifikation kann dadurch nicht entstehen (zumindest bei mir ist keine entstanden; TRUE DETECTIVE ist meiner Meinung nach ohnehin überschätzt).

Ökonomisches Erzählen

Im ersten Akt müssen nicht alle Informationen, die das Publikum braucht, um eine Figur und die Geschichte zu verstehen, geliefert werden (das gilt nicht nur für den ersten Akt, sondern für die gesamte Geschichte). Im Gegenteil: Weniger ist hier mehr. Insbesondere im ersten Akt ist es wichtig, ökonomisch zu erzählen, also mit wenig viel zu erreichen. Manche Autoren neigen dazu, alles, was sie für wichtig für die Figur erachten, in den ersten Akt zu packen und damit einen Überschuss an Informationen zu liefern. Dadurch wird er nicht nur unnötig aufgebläht, schlimmer noch: Die Figur wird erklärt und nicht erzählt. Und das ist langweilig. Erzählen heißt Auslassen. Also lieber auch mal eine Leerstelle in der Exposition der Figuren lassen, damit Fragen beim Publikum aufwerfen und ihm so die Möglichkeit für eine kognitive Beteiligung geben.

Erzählen heißt Auslassen.

LITTLE MISS SUNSHINE ist auch hier wieder einmal ein gutes Beispiel: Der erste Akt dauert nur 21 Minuten und in diesen 21 Minuten werden sechs Figuren und ihre Beziehung zueinander eingeführt. Das muss man erst einmal schaffen. Ein Grund dafür ist, dass der Autor Michael Arndt sich auf das Wesentliche konzentriert (siehe auch das Thema dramatische Relevanz in „Grundlagen II“ und „Weiter scheitern“) und einige Informationen über die Figuren in den zweiten Akt packt, beispielsweise warum der Großvater aus dem Altenheim geflogen ist).

1. Erzählabschnitt: Die Routine der Hauptfigur

Der erste Akt gliedert sich in zwei Erzählabschnitte, in die „Routine“ (auch „reine Exposition“ genannt) und in die „erste Handlung“. Getrennt werden beide durch das „auslösende Ereignis“. Die zugrunde liegende Frage des ersten Erzählabschnitts lautet:

Wie sieht die Routine der Hauptfigur aus?

Für die Routine gilt: Je kürzer desto besser. Denn im Grunde passiert hier noch nicht viel bis gar nichts. Wir schauen der Hauptfigur lediglich beim Leben zu, noch nicht beim Kämpfen. In Fernsehfilmen sollte sie spätestens nach fünf Minuten von dem auslösenden Ereignis gestört werden, sonst besteht die Gefahr, dass das Publikum wegzappt. Kinofilme lassen sich nicht wegzappen. Deshalb hat man hier etwas mehr Zeit. Auch aus dem einfachen Grund, weil das Publikum Geld bezahlt hat.

Wie sieht die Routine der Hauptfigur aus?

Die Routine in LITTLE MISS SUNSHINE erzählt, wie der Vater einen Vortrag über seine neune Stufen des Erfolges hält, allerdings nur wenige Zuhörer hat und damit also selbst erfolglos ist. Hiermit und durch die späteren Handlungen und Dialoge des Vaters wird das inhaltliche Thema „Erfolg“ etabliert. Außerdem erzählt die Routine, dass die Tochter sich für Schönheitswettbewerbe interessiert und dafür trainiert, der Sohn sportlich ist, Testpilot werden will und deshalb ebenfalls viel trainiert, die Mutter ihren Bruder nach einem Selbstmordversuch aus der Klinik holt und der Großvater aus dem Seniorenheim geflogen ist. Wir erfahren, warum der Bruder sich umbringen wollte, dass die Tochter an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen will, der Vater gute Aussichten auf einen Buchvertrag für sein Erfolgskonzept hat und die Familie unter Geldproblemen leidet. Außerdem wird durch das Beziehungshandeln der Figuren das emotionale Thema etabliert: Die Familie ist am Arsch.

Das auslösende Ereignis: die Störung der Routine

Das auslösende Ereignis stört die Routine, weshalb es auch als Störung bezeichnet wird. Ihm liegt die Frage zugrunde:

Was stört die Routine der Hauptfigur?

Das auslösende Ereignis setzt die Geschichte in Gang: der Mord den Krimi, die Begegnung der beiden (später) Liebenden die Liebesgeschichte, in LITTLE MISS SUNSHINE die Nachricht, dass die Tochter an dem Schönheitswettbewerb in Kalifornien teilnehmen darf. Die Störung muss also nichts Negatives sein.

Was stört die Routine der Hauptfigur?

Ihre Funktion besteht darin, die Routine der Hauptfigur aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ohne das auslösende Ereignis gibt es keine Geschichte. Deshalb ist es das erste der fünf obligatorischen Ereignisse auf der Drei-Akt-Struktur, also Ereignisse, die stattfinden müssen, damit die Struktur funktioniert.

2. Erzählabschnitt: Die erste Handlung

Im zweiten Erzählabschnitt – der „ersten Handlung“ – reagiert die Hauptfigur auf die Störung. Die Frage lautet daher:

Wie reagiert die Hauptfigur auf die Störung?

Nach dem auslösenden Ereignis kann die Hauptfigur ihr Leben nicht mehr wie bisher weiterführen. Es gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht. Egal, was sie auch tut: Es gelingt ihr nicht, die Störung zu beseitigen. Daraus entsteht ihr dramatisches Ziel, das sie im weiteren Verlauf der Geschichte erreichen will und das sie in den zentralen Konflikt stürzt. Dieses Ziel beginnt sie aktiv am Ende des ersten Aktes zu verfolgen und zwar mit dem ersten Wendepunkt – dem zweiten obligatorischen Ereignis.

Wie reagiert die Hauptfigur auf die Störung?

In LITTLE MISS SUNSHINE ist die Tochter völlig aus dem Häuschen vor Freude, weil sie an dem Schönheitswettbewerb teilnehmen darf. Zwischen der Mutter und dem Vater entflammt ein heftiger Streit: Sie will auf jeden Fall zu dem Schönheitswettbewerb, er entgegnet, dass sie kein Geld für einen Flug und ein Hotel haben, erklärt sich aber bereit, den VW-Bus zu fahren. Außerdem will der Großvater auch noch mit, weil er die Tochter für den Wettbewerb trainiert hat. Da der Bruder aufgrund seines Selbstmordversuchs nicht alleine gelassen werden darf und es für den vierzehnjährigen Sohn zu viel Verantwortung wäre, mit dem Bruder ein Wochenende alleine zu bleiben, müssen die beiden also auch mit. Der Bruder hat nichts dagegen, also hängt alles vom Sohn ab. Der weigert sich aber zunächst, weil er mit seiner Familie nichts zu tun haben will. Erst die Erpressung der Mutter – er bekommt ihre Erlaubnis für die Flugschule, wenn er mitfährt – lässt ihn doch einwilligen. Nachdem der Vater der Tochter dann sagt, dass es keinen Sinn macht, an einem Wettbewerb teilzunehmen, wenn man nicht absolut davon überzeugt ist, zu gewinnen, er sie eindringlich fragt, ob sie davon überzeugt ist und sie mit „ja“ antwortet, steht fest: Die Familie wird nach Kalifornien fahren.

Der erste Wendepunkt

Der erste Wendepunkt markiert den Übergang zum zweiten Akt und ist das zweite obligatorische Ereignis der Drei-Akt-Struktur. Er heißt Wendepunkt, weil er die Geschichte wendet, sie in eine neue Richtung treibt. Ab dem ersten Wendepunkt beginnt die Figur, aktiv ihr dramatisches Ziel zu verfolgen. Im ersten Akt entsteht der Konflikt, mit dem zweiten Akt beginnt seine Austragung.

Ein unklares dramatisches Ziel sorgt nicht für interessierte Neugier, sondern für verwirrende Orientierungslosigkeit.

Ist das dramatische Ziel dem Publikum an diesem Punkt nicht absolut klar, dann weiß es nicht, wohin die Reise gehen wird, und das sorgt weniger für eine interessierte Neugier als für verwirrende Orientierungslosigkeit. Mit dem dramatischen Ziel stellt sich zugleich die dramatische Frage: Wird die Hauptfigur ihr Ziel erreichen? Sie wird am Ende der Geschichte beantwortet: ja oder nein. Aus dem dramatischen Ziel und der dramatischen Frage ergibt sich also der grundlegende Spannungsbogen der Geschichte.

Die dem ersten Wendepunkt zugrunde liegenden Fragen lauten demnach:

Was ist das dramatische Ziel der Hauptfigur? Wie lautet die dramatische Frage?

In LITTLE MISS SUNSHINE beschließt die Familie im ersten Wendepunkt, an dem Schönheitswettbewerb teilzunehmen und nach Kalifornien zu fahren. Damit geht die Geschichte in den zweiten Akt über.

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