Theorie tl;dr: Übers Schwarzmalen

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute „Notes on Film noir“ von Drehbuchautor (Taxi Driver!) und Regisseur (Mishima!) Paul Schrader.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Paul Schrader identifiziert vier Elemente, die nicht nur einflussreich, sondern sogar ursächlich für die Entstehung des Film noir waren: Die Ernüchterung rückkehrender Soldaten, die von der amerikanischen Gesellschaft enttäuscht wurden. Der wiederkehrende Realismus dieser Zeit in jedem filmproduzierendem Land. Der expressionistische Einfluss der exilierten deutschen Filmemacher. Und die Hard Boiled-Literatur.

Die Erkenntnis: Männer, die aus dem Krieg zurückkehrten und sich betrogen fühlten: Von ihren Frauen, ihren früheren Freunden, von der Gesellschaft. Autoren, deren Figuren sich von dieser Gesellschaft zurückzogen: um sich vor ihr zu schützen. Ein Publikum, dass die Verklärung satt hatte: Ehrlichkeit brauchte. Fremde Filmemacher, die noch wussten, wie man schwarzmalt.

Paul Schrader schreibt, in dieser Welt bedeute Stil alles. Nur Stil bewahre noch vor Bedeutunglosigkeit. Er zitiert Raymond Chandler, und dieses Thema gelte nicht bloß für die Autoren, sondern auch ihre Figuren: „Es ist keine wohlriechende Welt, aber es ist die Welt, in der du lebst. Und gewisse Autoren mit zähem Verstand und einem kühlen, distanzierten Geist können sehr interessante Proben daraus machen.“

Das Zitat:

The realistic movement also suited America’s post-war mood; the public’s desire for a more honest and harsh view of America would not be satisfied by the same studio streets they had be watching for a dozen years. The post-war realistic trend succeeded in breaking film noir away from the domain of the high-class melodrama, placing it where it more properly belonged, in the streets with everyday people.

Von besonderem Interesse (I) ist vielleicht ein Stilelement, das Schrader bemerkt, und das schon in der Drehbucharbeit anwenden lässt: Protagonisten des Film noirs handeln nicht, besonders nicht physisch. Ein Film noir würde eher die ganze Szene um die Figur herum bewegen, als ihr durch eine eigene Bewegung, eine physische Handlung, eine gewisse Kontrolle der Situation (bzw. der Szene) einzuräumen.

Von besonderem Interesse (II) ist vielleicht außerdem, was Schrader über den hartgesottenen hard-boiled Helden sagt: Der sei nämlich im Vergleich mit seinem existentialistischen Gegenstück noch ein „weiches Ei“. Schrader merkt an, Camus habe sich für Der Fremde an (Hardboiled-Autor) Horace McCoy orientiert. Und nach einem ausgiebigen Seminar zu The Postman Always Rings Twice von (Hardboiled-Autor) James M. Cain, weiß ich, dass auch der Camus dabei eine Vorlage war. (Und die Verfilmung von Cains eigener „Postman-Adaption“ Double Indemnity nennt Schrader den bestgeschriebenen und charakteristischsten Film noir (Buch: Billy Wilder und Raymond Chandler!).)

Das letzte Wort:

Film noir seems to have been a creative release for everyone involved. It gave artists a chance to work with previously forbidden themes, yet had conventions strong enough to protect the mediocre. Cinematographers were allowed to become highly mannered, and actors where sheltered by the cinematographers.

Paul Schrader: Notes on Film noir. Im Magazin Film Comment, 1972. Gibt es hier als PDF auf den Seiten der Harvard University.

We can cover that by a line of dialogue...

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