Theorie tl;dr: Über Mythen und Edelkitsch

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute das Kapitel »Missbrauch und Trivialisierung des Mythos« von Michael Schneider aus seinem Buch Vor dem Dreh kommt das Buch.

In 50 Worten (Was ist das?): Unsere Gesellschaft hat ihre Sinnstiftung durch Mythologien, Religionen, Ideologien verloren, die Leere wird durch »diffuse Sehnsucht« und »Hunger nach dem ganz anderen Leben« gefüllt. Diese Sehnsüchte und das Mythische, auf das sie sich beziehen, werden von der Filmindustrie missbraucht: kommerziell, beispielsweise im »edelverkitschten« Melodram, und ideologisch, etwa im amerikanischen Gewaltfilm.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Die Erkenntnis: Die Kraft des Mythos, das heißt die emotionale Verbindung mythischer Szenen und Bilder zu uns und unserem Unbewussten, kann im Film auch trivialisiert und instrumentalisiert, ja missbraucht werden. Zum einen mit kommerzieller Absicht, wenn das Mythische nur dazu dient eine eigentlich banale Erzählung zu publikumswirksamer Größe aufzublasen, zum anderen mit ideologischer Absicht, wenn durch eine Umdeutung von Mythen etwa Gewalt ästhetisiert und legitimiert werden soll.

Die Warnung und Sorge ist berechtigt: Mythologie wird im modernen Erzählen als Methode, Werkzeug, verwendet, »um der eigenen Geschichte mehr Gehalt und Tiefe zu verleihen«, wie es Michael Schneider empfiehlt, und kann natürlich wie jedes Werkzeug zum Guten wie zum Schlechten gebraucht werden. Ob das eine oder das andere immer bewusst geschieht, sei gerade bei etwas so schwer zu Fassendem wie Mythen mal dahingestellt.

Ein (eigener) Gedanke, der zwar auch den Missbrauch von Mythologischem nicht verhindern kann, aber es vielleicht weniger instrumentalisiert, ob im Guten oder im Schlechten: Mythen sind keine Werkzeuge des Erzählens sondern des Verstehens. Keine Erzählung gewinnt allein daran, dass in ihr Mythologisches zitiert oder erzählerisch darauf verwiesen wird. Vielmehr können Mythologien und unser modernes Verständnis dieser Mythologien (und da ist unsere wissenschaftlich orientierte Gesellschaft dann sehr hilfreich) helfen, die ewigen emotionalen Themen der eigenen Geschichte zu begreifen und zu stärken.

Das Zitat:

Es gibt für Filmemacher und Künstler grundsätzlich zwei Möglichkeiten, diese diffuse Massensehnsucht nach mythischen Helden oder der mythischen Liebe zu instrumentalisieren und zu missbrauchen: entweder indem sie den Mythos ideologisch zweckentfremden und ihm eine inhumane bis reaktionäre Auslegung geben, oder indem sie ihn aus kommerziellen Gründen, um die Einschaltquoten zu maximieren, bis zum Gehtnichtmehr trivialisieren, verseichten und verkitschen.

Von besonderem Interesse ist vielleicht, wie sich im Text auch ein Weltbild des Autors offenbart. »Wo sich früher eine Versagung oder der Liebeskummer noch zur Leidenschaft alten Stils auswachsen konnte, stehen heute hunderterlei Ablenkungen, Surrogate und Tröster bereit; dafür sorgt schon der sexuelle Tauschverkehr in der promisken Gesellschaft«, schreibt Michael Schneider und lästert über Soapopera und »edelverkitschte« Melodramen, im besonderen Titanic, und deren Zuschauer: »Es gibt heute viele Menschen, die eine große Passion überhaupt nur noch im Kino erleben.«

Man muss sich fragen, inwiefern solcher Blödsinn (Entschuldigung, aber gerade der letzte zitierte Satz lässt sich in seiner Ignoranz und Verachtung sowohl gegenüber den Menschen, die er beschreiben soll, als auch gegenüber denen, die ihn lesen und das Gelesene so hinnehmen sollen, ja kaum anders bezeichnen!) die Argumente des Autoren stützen sollen, und im offensichtlichen Desinteresse an etwas Plausiblem oder Belegbarem, dem berechtigten Anliegen nicht eher schadet.

Der Autor attestiert den selben Menschen später übrigens viele hässliche Wunden, »die in den modernen Zweier- und Dreierbeziehungen geschlagen werden«. Na, wenn das kein Hinweis auf Passion ist. (Wen meine plötzliche Kritik überrascht, die ich in diesem Format sonst selten äußere: Es gibt noch andere Fehler und Ungenauigkeiten, bei denen ich das selbe Desinteresse vermuten muss. Mit dem hilft der Autor niemandem weiter.)

Das letzte Wort:

Wenn der Mythos nicht zum Gleichnis für Vorgänge unserer Innenwelt, unseres seelischen und geistigen Erlebens wird, dann bleibt er uns äußerlich, kann er uns nicht berühren, verflacht er zur exotischen Bilderfolge oder Katastrophengeschichte, die vielleicht unsere Neugierde und unser voyeuristisches Interesse weckt, die aber keinen Bezug mehr zu unserem eigenen inneren Erleben hat.

Michael Schneider: Missbrauch und Trivialisierung des Mythos. In: Vor dem Dreh kommt das Buch. 2., vollst. überarb. Auflage, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007. Den Text konnte ich wenig überraschend nicht frei im Internet finden, stattdessen aber Rezensionen, die deutlich begeisterter sind als ich nach dieser Lektüre.

We can cover that by a line of dialogue...

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