Filmkonzepte, Teil 1

Konzeptentwicklung ist die Phase der Stoffentwicklung, auf der alles Weitere aufbaut. Mit dieser Artikelreihe möchte ich mich dem Thema in der angemessenen Breite widmen. Die Artikel habe ich mit Videos auf meinem Youtube-Kanal verknüpft, die ihr euch vorher anschauen könnt:

Jedes Drehbuch beginnt mit einer Filmidee, die bereits früh in einem Einzeiler festgehalten werden sollte. Dieser Einzeiler ist nur für den Autor gedacht und darf nicht mit der Logline verwechselt werden, die ihr später braucht, um eure Idee zu bewerben. Das gleiche gilt für das Pitch Paper, das eurem Konzept zwar ähnelt, aber ebenso auf die Bedürfnisse von Produzenten und Redakteuren zugeschnitten ist.

Hier sind ein paar Beispiele für Einzeiler:

Ein Computerhacker entdeckt, dass die Welt nur ein Traum ist, erschaffen von Maschinen um die Menschen zu versklaven, und dass nur er die Rebellion anführen kann, um sie zu befreien.

Ein Zeitreisender wider Willen kann erst dann in die Zukunft zurückkehren, wenn er dafür sorgt, dass sich seine Eltern verlieben, sonst wird er aufhören, zu existieren.

Drei Psychologieprofessoren machen sich in New York als Geisterjäger selbständig, aber als ihr Geschäft boomt, stehen sie plötzlich einem babylonischen Gott gegenüber, der das Ende der Welt heraufbeschwören will.

Wenn ihr euren Einzeiler bereits habt und nun die Potentiale eurer Filmidee erforschen wollt, legt ihr dafür eine Stoffsammlung an. Vier Übungen, um Material zu generieren, möchte ich euch vorstellen. Ein paar kennt ihr wahrscheinlich schon:

1. Brainstorming

Schreibt stichpunktartig alles auf, was euch zu der Idee einfällt. Nummeriert eure Stichpunkte und versucht mindestens 30 Stück zu finden. Dafür würde ich 10 bis 20 Minuten veranschlagen.

2. Cluster

Cluster funktionieren visuell. Schreibt einen Begriff aus eurem Einzeiler in die Mitte eines unlinierten Blatts und umkringelt ihn. Überlegt euch alle weiteren Begriffe, die euch dazu einfallen, setzt sie in weitere Kringel und verbindet sie so miteinander, wie sie zusammenpassen. Schreibt alle auf, selbst wenn sie zunächst unsinnig erscheinen. Diese Übung funktioniert am Besten, wenn sie schnell ist. Stellt euren Wecker auf etwa fünf Minuten.

3. Fragen

Zwei Fragen habe ich bereits im Video angesprochen. Eine weitere Frage ist die „Was wäre wenn“-Frage. Was wäre, wenn Bob Geheimagent anstatt Polizist wäre? Was wäre, wenn seine Frau ebenfalls Geheimagentin wäre, aber sie beide nichts voneinander wüssten? Das schöne an kreativen Fragen ist, dass eine zur nächsten führt. Solange ihr die Resultate nicht beurteilt, werdet ihr euren Bewusstseinsstrom nicht unterbrechen und immer weiter Material generieren. Das kann von 20 Minuten bis zu einer Stunde lang dauern.

4. Essay

Schreibt einen kleinen Essay von ein bis zwei Seiten darüber, warum euch diese Idee gefällt, was ihr alles darin seht, warum sie überhaupt wichtig ist und warum ihr denkt, dass dieser Film unbedingt gemacht werden muss. Was bedeutet das Projekt kulturell und welchen Unterhaltungswert hat es?

Filmideen sind nicht in Stein gemeißelt. Sie können immer nur Ausgangspunkt eurer Arbeit sein. Hängt euch also nicht zu sehr an den Einzeilern fest, denn sie können sich verändern. Mit jeder Version eures Konzepts solltet ihr deshalb überprüfen, ob die Einzeiler noch stimmen und sie gegebenenfalls überarbeiten. Vertraut niemals eurem Gedächtnis, denn sonst baut ihr eine Schere auf zwischen dem, was in eurem Kopf vorgeht, und dem, was tatsächlich auf dem Blatt steht.

Wer an einer Wahren Geschichte arbeitet, hat zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon Bücher, Zeitungs- und Blogartikel, Fotos, Bilder, Videos etc. für seine Recherche gesammelt. Persönlich ziehe ich das für jedes Projekt in Erwägung. Alles, was euch inspiriert, ist prinzipiell positiv. Einige Autoren möchten sich nicht von bestimmten Quellen abhängig machen, aber ich sehe eher die Gefahr, von zu wenigen Quellen beeinflusst zu werden.

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp: Bevor ihr eure Stoffsammlung angeht, ist es sicher hilfreich und sinnvoll, sich erstmal für das Schreiben zu öffnen und andere Schreibübungen zu machen. Dazu findet ihr hier noch ein anderes Video:

Im nächsten Artikel wird es analytisch: Wir kümmern uns um die Probleme, die in jeder Filmidee stecken.

5 Comments

  1. zykez

    Najut, jeder hat seine eigenen Arbeitsmethodiken. Die Kunst des Drehbuchschreibens ist jedoch: die Kompression – sprich: die größtmögliche Aussagekraft eines Satzes bei der geringsten Anzahl an Wörtern.

    Der von dir genannten Oneliner ist nichts anderes, als die sprichwörtliche (Oneliner-)Logline und JA, man sollte auch diese so kurz wie möglich fassen. Hierfür muss man sich nur die Grundfeste der Dramaturgie heranziehen;
    Eine Person (Hero) will ein bestimmtes Ziel (Hero’s Want) erreichen und muss auf dem Weg dahin die größte Herausforderung seines Lebens bestehen (Hindernis/Antagonist).

    Ich warne grundsätzlich davor, spätere Exposés rein in Textform zu schreiben. Es sollte einem Konzeptpapier ähneln, denn nur so wird die Schöpferische Höhe erfüllt (gemäß Urheberrecht entsteht so automatisches Copyright).

    Wenn man den Grundwert seiner Idee ermittelt hat, kann man sich an die Story und den Plot machen. Sehr hilfreich finde ich auch diese Seite:
    http://nofilmschool.com/2015/01/learn-how-write-screenplay-slideshow-gives-crash-course

    31. August 2015
  2. Hallo zykez,

    den Einzeiler möchte ich deutlich von der Logline abgrenzen, um klarzumachen, dass er nur für den Autor wichtig ist. In diesem Stadium soll es noch nicht um die Vermarktung der Idee gehen. Die “Kompression” der Filmidee beginnt erst im zweiten Schritt (im nächsten Artikel).

    Viele Grüße
    Sven Eric

    31. August 2015
  3. Das sehe ich auch so, Arbeitsschritte von “Marketing” zu unterscheiden ist wichtig, um den inneren Zensor auszuschalten.

    Linda Aronson (The 21st Century Screenplay) nennt etwas ähnliches einen Simple bzw. Advanced Narrative Sentence. Die simple Variante: [Protagonist] faced with [problem] responds by [series of actions] and finally deals with [same problem as above] by [climax]. Und die Aufgabe der Stoffentwicklung ist es eben, die Lücken zu füllen. Mehr: http://www.lindaaronson.com/

    31. August 2015
  4. zykez

    Aus Marketing-Sicht meinte ich das gar nicht, sondern rein auf den Fokus bezogen. Diese Logline ist ja dann auch quasi die Grundidee – sprich: die Vorlage und der Richtungsweiser zum Drehbuch. Ideen ergeben sich im Laufe der Development-Phase sowieso, aber man hat den Kern der Story. Etwas woran man sich stets orientieren kann, wenn einem die späteren Ideen vom Fokus ablenken.

    Ich finde diese Arbeitsweise wesentlich effektiver, als erstmal tausend Ideen zu sammeln, nur um zu sehen, welche Potenziale drinstecken, denn die Gefahr besteht ja dann, das man erst recht nicht vorankommt, weil man so etliche Storylines basteln kann und das ganze Ding dann irgendwie beliebig wirkt/wird. Das kann ein erheblicher Motivationskiller sein, deshalb sollte man auch stets die Negativen Auswirkungen der Kreativphasen im Auge behalten.

    Im Grunde decken wir uns ja, nur das bei mir halt der Fokus essentiell ist, weil Kreativität nun mal auch eine böse Bitch sein kann und einen oft genug auch vom eigentlichen ablenkt. :P

    Ich orientiere halt nur meinen ‘Einzeiler’ anner bekannten Logline, weils zielgerichterer ist und die spätere Stoffentwicklung auch schneller von statten geht.
    Es wird so einfach konkreter und strigenter, was eben auch Kreativexzesse verhindert.
    Aber wie gesagt, da hat halt jeder so seine ureigenen Arbeitsmethodiken.^^

    31. August 2015
  5. Hallo zykez,

    dass der Einzeiler schon ganz konkret ist, halte ich für einen Denkfehler. Das „Eigentliche“ existiert an der Stelle noch gar nicht. Mit dem Einzeiler hast du zwar schon eine vage Idee, einen vagen Plot, aber noch keine Charaktere und ganz sicher noch keine Story. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten diesen Einzeiler auszugestalten.

    Diese Möglichkeiten sollst du erforschen, damit du DIE BESTE davon auswählen kannst. In keiner Phase wirst du wieder so frische Ideen haben wie ganz am Anfang. Hier bist doch noch nicht gebunden und hast jede Freiheit der Welt. Erst wenn das Konzept abgeschlossen ist, hast du tatsächlich etwas in der Hand.

    Viele Grüße
    Sven Eric

    1. September 2015

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