Formate, Slots & Längen – eine Polemik

Die Corona-Weihnachtszeit genutzt zu exzessivem TV-Konsum. Die neue Mode sind ja Mehrteiler – zeitnah auf mehrere Tage verteilt. Mit dem Hinweis: sie können es aber schon in der Mediathek vorab ganz sehen. Das hab ich gemacht, wenn mich etwas wirklich interessiert hat. Bei längeren Formaten muss man als Dramaturg immer die Frage stellen: braucht es diese hohe Anzahl der Sendeminuten?

Autoren verstehen meine Frage. Denn nur bei Kurzfilmen sind sie frei. Die sind immer nur so lang, wie es die Geschichte braucht. In der Regel werden Autoren aber gezwungen auf Minute 88 zu schreiben, oder 45 oder 25. Das lernt man, kriegt es in sein Gefühl und es ist oft doch ein Grund für Drehbuchschwächen. Denn wirklich ehrlich kann man nicht sein. Wenn der Plot in 78 Minuten erzählt ist, dann packt man selber noch 10 Minuten drauf. Das führt oft dazu, in die Breite zu schreiben, also neue Figuren & Schauplätze zu wählen, anstatt in die Tiefe zu gehen. Schlimmer noch der andere Fall. Man hat sein Buch gestoppt – wenn man das kann – und kommt auf 108 Minuten. Wenn man Glück hat, kürzt man gerne (Theater-Slogan: was gestrichen ist kann nicht durchfallen). Meist steckt man aber in der Falle: man muss an die Substanz.

Kleiner Exkurs: 3-SAT zeigte in der ersten Jahreswoche seine Reihe Amor Fou. Erotik-Filme. Es gab da zwei Filme, die die Format-Normen sprengten. Verlangen, ein russischer Film, von einer Frau geschrieben und inszeniert und von einer außerordentlich interessanten jungen Schauspielerin gespielt ist nach 78 (!) Minuten zu Ende. Reicht, jede Minute mehr wäre zu viel, zumal das Ende bewusst halboffen ist. 78 Minuten langsam erzählt: so kommt man tief in die Seele der Heldin. Die Männer, 3 Intimpartner, Russen, alle etwas toxisch, wie man heute sagt. Um in deren Köpfe und Seelen zu kommen braucht man eben nicht viel Zeit.

Lady Chatterly hingegen braucht unendlich viel Zeit. Da es eine TV- und eine Filmfassung gibt, ich habe nun beide gesehen, sind die Zeiten verschieden, aber immer klar über 200 Minuten. Das kam auch zustande, weil Co-Produzent Arte 2 x 100 Minuten haben wollte. Arte als Kultursender, hat, nicht wie die Öffentlich-Rechtlichen & Privaten, einen +100 Minuten Slot. Und, oh Wunder, die Länge wird nie zu Längen, der Film ist, wenn man sich auf ihn einlässt, immer spannend und man lernt so eine wunderbare Annäherung zweier Menschen kennen. Wie selten im Kino, wenn es um Liebe & Sex geht. Die Beischlaf-Szenen unterscheiden sich alle voneinander und das Äußere zeigt das Innere, die seelische Entwicklung dieser beiden Menschen. Menschen kann man hier mal mit Recht sagen, nicht Personen oder Figuren oder gar Klischees.
Nur bei Kurzfilmen sind Autoren frei. Die sind immer nur so lang, wie es die Geschichte braucht.
Zurück zu den Mehrteilern. Legal Affairs (Mediathek): Super schnell über die schicke Oberfläche gerast. Fälle, die man ohne juristische Vorkenntnisse nicht voll verstehen kann. Exakt das TV, für das ich und gleichaltrige Kollegen in meinem Bekanntenkreis schon zu alt sind. Die Ästhetik von Musik-Clips und Schöner Wohnen-Magazinen. (Zu Clips: Offenbar sind viele Songs textlich und musikalisch so dürftig, dass man dazu ein Bild-Feuerwerk abbrennen muss. Wollen die jungen Leute das wirklich? Ich habe mal einen 4 Minuten-Chanson von Juliette Greco gesehen in einer (!) Einstellung. Spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde, obwohl mein Französisch nicht gut ist. Die Kunst machte allein Frau Greco, nicht Kamera & Schnitt!)

Schneller als die Angst (Mediathek) hingegen ist so gefilmt, dass man immer sofort versteht. Helfen dabei tut eine moderne, originelle Kamera-Arbeit. Die erzählt hauptsächlich Plot & Figuren so, dass man dranbleiben muss. Ob ich nach der Lektüre der Drehbücher immer zugestimmt hätte, bezweifle ich. Man kann aber durch Schauspielerei (Frederike Becht!), Bilder & Schnitt über Untiefen der Story hinweg kommen.

Der Palast (Mediathek) war ideal für Mehrgenerationen-TV im Wohnzimmer. Gibt es das noch? Einige Kritiker haben das verrissen. Kann man übrigens immer leicht, man muss nur den falschen Maßstab anlegen. Einige, sogar sehr seriöse Kritiker haben den Film aber gelobt. Ich muss gestehen, dass mir gelegentlich die Tränen kamen – aber nicht wegen dieses Zwillingsschicksals, sondern wegen unserer deutschen Geschichte. (Bin 44 geboren, auf meiner Geburtsurkunde ist ein Hakenkreuz.) Die Kids dürften auch gerührt gewesen sein und danach vielleicht von Opas TV geredet haben. Regisseur Uli Edel ist ja ein Opa.

Fazit für Autoren & Dramaturgen. Sollte man nicht wenigstens versuchen, immer mal wieder diesen Format- & Slot-Zwang zu reduzieren? Mehr Ausnahmen zulassen? Ich befürchte allerdings, dass sich Regisseure und Autoren dem längst total unterworfen haben. Ausnahmen: Stars wie Dominik Graf. Was sollen »Normalos« auch machen? Die Filmhochschulen haben in den letzte 30 Jahren viele Talente in den Markt gespült. Die wissen alle aus Erfahrung, dass sie ersetzbar sind.

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