Erster Eindruck: La La Land

Aktuelle Kinofilme dramaturgisch zu untersuchen ist schwierig, weil wir sie dafür eigentlich mehrfach sehen müssten. Dafür fehlen die Ressourcen und manchmal die Geduld. Deshalb ein kurzer erster dramaturgischer Eindruck, der weder umfassende Vollständigkeit, noch analytische Detailtiefe verspricht – dafür spontane Ehrlichkeit und die Konzentration aufs Wesentliche. Heute: Moonlight La La Land, Buch und Regie: Damien Chazelle.

Worum gehts? Die erfolglose Schauspielerin Mia und der erfolglose Musiker Seb, die beide ihr Glück in Hollywood versuchen, begegnen sich, verlieben sich, inspirieren sich, ermutigen sich, streiten sich, versöhnen sich und trennen sich – letzteres, um in ihren Berufen dann doch noch Erfolg zu haben. Mit Witz, Musik, Gesang und Tanz. Seb will den Jazz retten, und versucht das in einer E-Jazzpop-Band, Mia schreibt sich ein erfolgloses aber wohl gelungenes (wir sehen es nicht) Theaterstück, in dessen Aufführung glücklicherweise die richtige Talentsucherin sitzt.

Man darf Dramaturgen nicht falsch verstehen: Dass sie auf die Probleme einer Erzählung hinweisen heißt weder, dass sie sie besser erzählen könnten, noch, dass ihr Erzähler sie zwangsläufig besser hätte erzählen können. Erzählen ist zu komplex, als dass durch die Lösung eines erzählerischen Problems gleich eine spürbare Verbesserung der Erzählung ohne genauso problematische Nebenwirkungen garantiert wäre. In der Vorbereitung lässt sich das berücksichtigen, in der Nachbereitung nicht. Es ist stattdessen der Versuch unser aller Verständnis vom Erzählen grundsätzlich, und dadurch Erzählungen grundsätzlich zu verbessern.

Das vorweg, denn die allgemeine Begeisterung für La La Land ist mehr als gerechtfertigt (wobei das dann auch ein nicht-fachliches Urteil von mir sein muss): Schauspiel, Musik, Choreografie sind großartig. Und Abstriche dort, zu Gunsten der Dramaturgie – ob oder wie auch immer solche Wirkungswege funktionieren – hätten dem Film vermutlich eher geschadet als genutzt. Deswegen der Hinweis zum vorsichtigen Lesen, damit ich rücksichtslos schreiben kann: Das Drama in La La Land ist schwach.

Denn der Konflikt ist schwach: Dem Erfolg steht eher die jeweilige Branche selbst im Weg, als die Beziehung mit einem Partner, der ständig zum Weitermachen ermutigt. Die Motivation ist schwach: Sie verfolgen beide einen Traum, das ist romantisch, aber wenig glaubhaft notwendig („Ich kann einfach wieder studieren gehen“). Und die Identifikation ist schwach: Bei zwei Protagonisten mit unterschiedlichen Gefühlen in Reaktion auf das Geschehen muss die eine Figur immer distanzierend zur jeweils anderen wirken.

Zwei Protagonisten, das kann kaum Drama sein, aber La La Land verweigert sich auch dem Epos: Gesellschaft wird hier nicht erzählt. (Die Frage, ob ein Musical, bei dem die es definierenden Musikeinlagen doch eigentlich wie Verfremdungseffekte wirken, überhaupt Identifikation mit dem Protagonisten zulassen lässt sich in vier Worten beantworten: Dancer In The Dark.) Die Protagonisten scheitern an sich selbst. Dass sie auch unter fremdem Erfolgsdruck stehen wird bis auf ein kurzes Telefonat vollständig ausgeblendet.

Das dramaturgische Experiment vor Ende des Films, ihre Liebe noch einmal so zu erzählen, wie sie hätte sein können ist hoch interessant, offenbart da aber auch seine Schwächen: Scheinbar hätte bloß Seb seine Entscheidungen anders treffen müssen, dann wäre alles gut gegangen. Vielleicht kann deswegen auch nur er ihr hinterhertrauern, während sie, die ja, so behauptet der Film, alles richtig gemacht hat, längst ein neues Leben begonnen hat. Und tatsächlich: Viel hat sie nicht falsch gemacht, weil sie überhaupt kaum Entscheidungen getroffen hat. Doch ohne Entscheidungen funktioniert keine Geschichte.

Das ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem oscarnominierten Drehbuch so meine Schwierigkeiten hab. Bei Die Entdeckung der Unendlichkeit vor zwei Jahren habe ich mich ähnlich gewundert.

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