Kommentar: Verständnis vermitteln #BloggerFuerFluechtlinge

Man kann einen Menschen nicht nicht lieben, dessen Geschichte man kennt. Ich glaube nicht, dass dieser Satz von mir ist. Ich bin mir sicher, dass das ein Zitat eines tollen Schriftstellers ist, ich finde es bloß nicht wieder. Doch die Frage des Urhebers hat nur juristische und persönliche Relevanz (ich wüsste halt schon gern, wer solche schönen Dinge sagt), denn ganz egal von wem: der Satz ist weise und richtig und gültig.

Niemand muss Flüchtlingen mit Liebe begegnen, aber jeder sollte es mit Interesse tun. Schon das mag manchem zu viel sein, wie kann ich Interesse verlangen. Ich kann es erwarten; ich kann erwarten, dass Mitglieder einer Gesellschaft zum Wohl der Gesellschaft handeln. Diese Flüchtlinge werden nicht Flüchtlinge bleiben, sie werden, hoffentlich bald, Teil unserer Gesellschaft sein. Ihnen also mit Interesse zu begegnen, von Respekt ganz zu schweigen, ist das Mindeste, das ich erwarten kann.
Lasst uns ihre Geschichten weitererzählen.
Niemand muss Flüchtlingen mit Liebe begegnen, aber man muss einen Menschen auch nicht lieben, um seine Not zu erkennen und ihm notwendige Hilfe anzubieten. Und niemand darf Flüchtlingen mit Hass begegnen, er kann nur hassen aus Ignoranz. Ist mein schöner Eingangssatz so gültig, wie ich ihn gerne hätte, kann man einen Menschen nicht sinnvoll hassen. Wie soll man einen Menschen hassen, den man nicht kennt. Wie soll man einen Menschen hassen, den man kennt. Und wenn einer ignoriert und hasst, ist es unsere Aufgabe wenigstens die Begegnung zu verhindern.

Mein Eingangssatz sieht auch uns in der Pflicht, uns Schriftsteller und Drehbuchautoren, Dramatiker, Dramaturgen, Filmemacher, Storyteller, denn wir sind die, die die Geschichten erzählen. Wir sind immer Vermittler zwischen unseren Figuren und dem Publikum. Jeder Protagonist ist dem Publikum zu Anfang fremd und wird ihm dann immer vertrauter. Wenn eine Figur uns zeigt, was ihr wichtig ist, wird auch sie uns wichtig; wenn sie uns zeigt, das sie liebt, lieben wir sie.

Nicht ein Flüchtling wird auf die Frage, was ihm wichtig ist, keine Antwort haben, denn um das zu schützen, was ihnen wichtig ist, sind sie doch trotz allem hier. Sie haben Unvorstellbares geschafft für das, was ihnen wichtig ist. Das zu wissen sollte uns genügen, damit sie uns wichtig sind. Jeder Flüchtling ist uns zu Anfang fremd, und würde uns doch so vertraut, wenn wir seine Geschichte nur erführen. Lasst uns danach fragen, sie erfahren und weitererzählen. Das ist unser Beruf, und wie jeder andere Beruf sollte auch er ein Dienst an der Gesellschaft sein.
Ignoranz zu bekämpfen ist unsere Aufgabe als Erzähler.
Wir müssen keine einzige ihrer Geschichten kennen und keine einzige ihrer Geschichten erzählen, um das Selbstverständliche zu entscheiden: Dass Menschen hierbleiben dürfen, weil sie hierher gekommen sind. Aber wir können ihre Geschichten erzählen, sie vermitteln, um ihnen in der Aufnahme in unsere Gesellschaft zu helfen, um unserer Gesellschaft bei ihrer Aufnahme zu helfen. Und um vielleicht auch jenseits der Ignoranz diejenigen zu erreichen, die hassen.

Wir dürfen nicht aufhören, das zu versuchen. Denn selbst wenn wir die Aggressionen verhindern, den offen zur Schau gestellten Hass vor den Flüchtlingen verbergen können, bleibt die Ignoranz. Und diese Ignoranz, die zu bekämpfen, das ist unsere Aufgabe als Geschichtenerzähler. Einen Kommentar, ebenfalls zum Thema Ignoranz überschrieb ich vor kurzem mit: Geschichten entstehen aus Verständnis. Das möchte ich erweitern um: Und Geschichten erzählen heißt Verständnis vermitteln.

Mit diesem Artikel nehmen wir Teil an der Initiative #BloggerFuerFluechtlinge. Neben dem Formulieren von Solidarität quer durch aller Arten Blogs geht es den Initiatoren auch um Geldspenden, die zahlreichen Flüchtlingsprojekten (Liste) zu Gute kommen. Fühlt euch aufgefordert.

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