Theorie tl;dr: Über und gegen die Wirklichkeit

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Ich hab’s vermisst! Heute das Kapitel »Überlegungen zur filmischen Fiktion« aus Studienhandbuch Filmanalyse von Benjamin Beil, Jürgen Kühnel und Christian Neuhaus.

In 50 Worten (Was ist das?): Fiktion ist mögliche Wirklichkeit. Sie kann als Abbild oder Gegenentwurf gestaltet sein, referenziert in beiden Fällen Erfahrungen ihrer Autorinnen und Rezipientinnen. Robert Musil nennt es Wirklichkeitssinn. Aristoteles hat ihn und seine Bedeutung „entdeckt“. Neben der poίēsis, der schöpferischen Gestaltung betont er die mίmēsis, die notwendige Beziehung zwischen Realität und Fiktion.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Die Erkenntnis: Der Rat »Write what you know« wird auf vielfältige Art und Weise verstanden, wobei einige Deutungen weniger hilfreich sind, als andere. Im Verständnis der Autoren des Studienhandbuch Filmanalyse müsste es wohl heißen: »Write what we know«. Im Kapitel »Überlegungen zur filmischen Fiktion« beschreiben sie unser Verständnis von Fiktion als ein Diskurs möglicher Wirklichkeit(en).

Das geht auf Aristoteles zurück und auf seine Unterscheidung von Geschichte, Fiktion, und Geschichte, Historie, die im Mythos noch untrennbar verknüpft waren. Poίēsis, die wir sehr einschränkend mit Poesie übersetzt haben bezeichnet vielmehr alle Fiktion, mίmēsis, die wir sehr einschränkend mit Nachahmung übersetzt haben, bezeichnet ein sehr viel breiteres Verhältnis von Fiktion zur Wirklichkeit.

Das Zitat:

Anders könnten ein Roman, ein Drama oder ein Spielfilm nicht funktionieren, da sie in einem weitesten Sinne der Verständigung über Wirklichkeit dienen. Jedoch lässt sich ihre dargestellte Wirklichkeit nicht als wahr oder falsch klassifizieren. Sie ist eine im weitesten Sinne mögliche Wirklichkeit, ein Wirklichkeitsmodell […].

Von besonderem Interesse (I) ist vielleicht ein kurzer Absatz zur literarischen Bedeutung von Drehbüchern. Während Käte Hamburger in Logik der Dichtung noch schreibe, das Drehbuch gehe im Film auf, habe sich mit dem Vertrieb der Drehbücher erfolgreicher Filme das Drehbuch als literarische Form durchgesetzt. Diese Aussage scheint mir etwas verfrüht, während es ja durchaus Lesedramen gibt, die gar nicht zur Umsetzung gedacht sind, ist mir das von Drehbuchautoren völlig unbekannt. Vielleicht in unseren digitalen Zeiten aber durchaus ein Ansatz, der sich zu verfolgen lohnt…

Von besonderem Interesse (II) ist vielleicht auch diese Feststellung: »Jedoch lässt sich ihre dargestellte Wirklichkeit [die des Romans, des Dramas, des Spielfilms] nicht als wahr oder falsch klassifizieren.« Das stimmt, mögliche Wirklichkeiten sind nun mal genau das, muss allerdings angesichts Filterblasen, alternativen Fakten, Fake News alarmieren. Erzählen, das Schaffen von Bedeutung, ist Manipulation. Wir können nicht nicht erzählen, nicht nicht manipulieren, deshalb müssen wir Verantwortung für unsere Erzählungen übernehmen und andere Erzähler zur Verantwortung ziehen.

Das letzte Wort:

[Aristoteles] schreibt dabei der Fiktion einen eigenen Erkenntnisgewinn zu: Während der historikόs […] das mitteile, »was wirklich geschehen ist«, sei Gegenstand der poίēsis […] »was geschehen könnte«. Aber gerade dadurch sei die poίēsis […] philosophischer und von größerer Aussagekraft als die historiā, denn die poίēsis stelle »das Allgemeine« dar, während die historiā an das faktisch »Besondere« gebunden sei.

Benjamin Beil, Jürgen Kühnel, Christian Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. Ästhetik und Dramaturgie des Spielfilms. München 2012. Vielen Dank für die Lesetipps.

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