Theorie tl;dr: Über das Kino

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute der Aufsatz The Future – A Digital Cinema Of the Mind? Could Be von Walter Murch.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Walter Murch: Die Befreiung Filmschaffender durch den digitalen Film kann eine Veränderung zum Guten sein, vielleicht macht es Film ärmer. — Arno (@filmschreiben) 26. November 2014

In 50 Worten (Was ist das?): Die Digitalisierung des Filmemachens bedeutet nicht nur einen Abschied vom Film, vom Zelluloid, sondern auch vom kollaborativen Prozess. Digitaler Film befreit Filmemacher von der Aufwendigkeit der Filmproduktion und Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Doch vielleicht sind es erst die vielen verschiedenen Perspektiven, die dem Film ermöglichen, so viele verschiedene Menschen zu berühren.

Die Erkenntnis: Die Diskussion über die Digitalisierung und ihre Folgen für uns als Filmemacher dreht sich meist um ihre Bedeutung für technische Details und Prozesse, eher selten um ihren Einfluss auf den kreativen Prozess. Nicht bei Murch: Er spekuliert, was die künftig fehlende Notwendigkeit der Kollaboration, die ausschließliche Eigenständigkeit eines Filmemachers, die das Digitale möglich macht, für den Film, für das Kino bedeutet.

Nach dem wir letzte Woche uns vom Montage-begeisterten Eisenstein haben bereichern lassen, war es für mich nur schlüssig, diese Woche mal zu schauen, was Monteure, Editoren selbst über Film zu sagen haben. Murch schreibt 1999, zu einem Zeitpunkt an dem zwar das Editing schon digital statt fand, das Filmen aber noch mit analogen Kameras, und das Vorführen mit analogen Projektoren funktioniert (an letzterem hatte 1999 in den Vereinigten Staaten Phantom Menace gerade gerüttelt). Der Filmprozess als „digitales Sandwich zwischen analogen Scheiben Brot.“

Murch vergleicht die Veränderung von analogem zu digitalem Film mit der Veränderung in der Malerei vom Fresko zu Öl-Farben im fünfzehnten Jahrhundert. Die Fresko-Malerei ist ein technisch, technologisch und finanziell aufwendiger Prozess gewesen, der die Zusammenarbeit vieler Mitarbeiter unter der Aufsicht des Künstlers erforderte. Ölfarben reduzierten den Aufwand und machten das eigenständige Arbeiten des Künstlers möglich – was sowohl eine kreative Befreiung für die Künstler gewesen sei, deren Beweis die Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ist, als auch eine Gefahr, deren Beweis die Künstler des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts sind (Beispiel Van Gogh).

Die Digitalisierung des Filmemachens kann eine kreative Befreiung Filmschaffender, also eine Veränderung zum Guten sein/werden. Mit Vorsicht, merkt Murch an, vor der psychischen Belastung, den einsame, monolithische, kreative Arbeit für die Künstler bedeuten kann. Hitchcock (“The film is already made in my head before we start shooting”) hätte sich gefreut, Coppola freut sich wohl weniger (“The director is the ringmaster of a circus that is inventing itself”).

Ich bin in der Literaturgeschichte nicht bewandert genug um zu wissen, ob es diese Verschiebung von kollaborativem zu ausschließlich eigenständigem Schaffen auch in der Literatur gab. So weit ich das übersehen kann, war Literatur immer eine vornehmlich einsame Kunst, und Schriftsteller konnten mit dem zugegeben großen Schaden, den sie mit jedem Werk an sich selbst anrichteten, aber meistens umgehen.

Was aber im Schreiben fürs Fernsehen derzeit stattfindet ist eine umgekehrte Veränderung: Vom eigenständigen zum kollaborativen Schreiben. (Den es möglicherweise auch vor 100 Jahren in der Musik gab, vom Komponisten mit ausführendem Orchester zur mehr oder weniger gleichberechtigten Band?) Und Murch sieht einigen Vorzug in der Zusammenarbeit beim Film: Erst durch das Einbringen und Einarbeiten so vieler verschiedener Perspektiven auf den Film würde ein Film seine Gültigkeit und Bedeutung für so viele verschiedene Menschen im Publikum erlangen. (Wobei mir in dieser Argumentation wieder die Literatur fehlt, in der nachweislich einzelne Autoren es schaffen, Millionen von Menschen berühren.) Der Film gewinne durch die Kollaboration nicht nur an, sondern auch von den vielen verschiedenen Erfahrungen, die wir als viele verschiedene Filmemacher mit in den Film bringen.

Das Zitat:

The paradox of cinema is that it is most effective when it seems to fuse two contradictory elements – the general and the personal – into a kind of mass intimacy. The work itself is unchanging, aimed at an audience of millions, and yet, when it works, it seems to speak to each member of the audience in a powerfully personal way.

Von besonderen Interesse ist vielleicht, welchen Unterschied zwischen Kino und Heimkino Murch sieht. Denn die Digitalisierung bedeutet ja nicht nur die Befreiung des Filmemachers von der bisher notwendigen gemeinsamen Arbeit, sondern auch die Befreiung des Filmzuschauers von dem bisher notwendigen gemeinsamen Betrachten im Kino.

At home, you are king, and the television is your jester, and if you are not amused, you take out the remote control and chop off his head. The framework of home viewing is
familiarity: what is right is what fits with the routine, and this implies a mind-set that sees only what it wants or is prepared to see.

Going out, however, involves some expense, inconvenience and risk. […] This produces a mind-set that is open to experience in a way that home viewing can never be.

Und vielleicht liegt da ein Schlüssel zu dem vielbeschworenen Problem der schlechten Qualität deutscher Filme. Deutscher Film ist fast grundsätzlich auf eine Senderbeteiligung angewiesen, deutsche Kinofilme sind Fernsehfilme mit Kinoauswertung. Und während aus Sicht des Zuschauers ein Fernsehfilm auch inhaltlich die comfort zone des eigenen Wohnzimmers nicht verlassen sollte, sind die Erwartungen an einen Kinofilm ganz andere und werden enttäuscht, wenn das Verlassen der eigenen comfort zone nicht mit einem inhaltlich entsprechendem Film gewürdigt wird.

Gutes Schlusswort: Murch mag ja mit vielem Recht haben, auf etwas, das besser aussieht als Jurassic Park haben wir die letzten 20 Jahre aber vergeblich gewartet.

Of course there will be wonders to compensate for our old friends Clapstick, Sprocket and Reel. Of course the blurring of borders between video, computers and film will vastly increase. Of course, digital creatures will be born that will make 1995’s “Jurassic Park” seem like 1932’s “King Kong.” Of course, Channel 648 will be a live transmission of the planet Earth as seen from the Moon, in stunning detail, occupying the entire liquid crystal wall of our media room.

Walter Murch: The Future – A Digital Cinema Of the Mind? Could Be. Erschienen 1999 in der New York Times (auf nytimes.com).

We can cover that by a line of dialogue...

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