Verheerend: Zu Gewalt und Gewaltdarstellung im Film

Die Gewalt und ihre Darstellung in Fatih Akins Der Goldene Handschuh hat sein Publikum gestört, vielleicht verstört – davon zeugen Rezensionen und Diskussionen im Anschluss an seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale. Keine Besucherin und keinen Besucher dürften die dargestellten Handlungen überrascht haben in dieser nächsten erzählerische Interpretation des realen Fritz Honka, der in den 70er Jahren in Hamburg vier Frauen ermordete, ihre Leichen zerteilte und versteckte. Die störende, verstörende Wirkung – man könnte sagen: Kraft – muss in anderem begründet sein.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Sommer 2019 in der 44. Ausgabe des Wendepunkt (PDF), dem Fachmagazin des Verbands für Film und Fernsehdramaturgie. Nach und nach werde ich alle der bisher nur im Wendepunkt erschienenen Artikel von mir hier im Blog zur Verfügung stellen.

Gewalt ist alltäglich: sie begleitet uns als ständige Handlungsoption zur Durchsetzung unserer Interessen gegen Schwächere oder dem Abbau genauso alltäglicher Frustrationen. Das gilt auch und ins Besondere für unsere erzählerischen Figuren: Weil sie Ziele und Bedürfnisse haben, die sie (noch) nicht erreichen oder (noch) nicht erfüllen, und deshalb Frustration erleben; weil sie in Konflikte treten, innere und äußere, und die selten einvernehmlich gelöst werden können; weil ersthandelnde Protagonisten gegenhandelnde Antagonisten haben, und die Frage, wer von ihnen noch über sich selbst oder schon über andere bestimmt nie leicht zu beantworten ist.
Die Aufgabe dramatischer Figuren ist die Auseinandersetzung mit ihren Fehlern, Gewalt also kein sinnvoller Weg.
Im Film gesellt sich zu dieser erzählerischen Veranlagung die ästhetische Lust am Körperlichen. Körperliche Gewalt ist körperlich – ist audiovisuell. Sie ist notwendig Bestandteil der »neuen Gebärdensprache«, von der Béla Balázs 1924 (Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films) so schwärmt, auch in der Gewalt wird der »Geist unmittelbar zum Körper, wortelos, sichtbar.« Film ist Action, Handlung, ist Anstrengung – körperliche Anstrengung als Ausdruck emotionaler Anstrengung, wenn sie filmisch sein soll – (s. a. »Durch das Raue zu den Sternen«, Wendepunkt N°36), die sich gegen etwas oder jemanden richtet.

Ähnlich verhält es sich im Videospiel. In dem Moment, in dem das Spiel, das seinen Spielerinnen und Spielern Wirksamkeit verspricht, audiovisuell wird und in Körpern und Räumen organisiert ist, verspricht es eine Wirksamkeit auf diese Körper und Räume, eine Wirksamkeit auf das, was gehört und gesehen werden kann. Die Wirkung kann eine Ergänzung der Räume und Körper sein – etwa in Aufbau-Strategiespielen, dem Bauklotz-Spiel Minecraft oder jüngst der Kunstgalerie-Simulation Occupy White Walls – oder eine Reduzierung – etwa in Shootern oder sogenannten Hack & Slay-Spielen. Die große Zahl solcher »destruktiven« Spiele erklärt sich vielleicht daraus, dass es für Entwickler einfacher ist Gestaltetes zur Zerstörung anzubieten, als ein Gestalten durch die Spielerinnen und Spieler in Regeln zu fassen.

Denn wenn es auch schwer fällt Gewalt, also Zerstörung, nicht als Gegensatz von Gestaltung zu begreifen, ist sie doch auch eine wirksame Veränderung der Wirklichkeit. So sehr, dass wir sogar dazu neigen, Gewalt als reinigend zu verstehen: Vom scheinbar simplen Neuanfang ohne den Ballast vermeintlicher vergangener Fehler und ihren Pfadabhängigkeiten bis zur Rechtfertigung von ethnischen Säuberungen. »Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt«, schrieben die Futuristen 1909. Das darf Erzählerinnen und Erzähler jetzt etwas beruhigen: Weil die Aufgabe dramatischer Figuren die Auseinandersetzung mit ihren Fehlern ist, ist deren Zerstörung, also Gewalt, für sie vermutlich kein sinnvoller Weg.
Der zerstörerischen Kraft von Gewaltanwendungen wird selten nachgefühlt.
Gewalt ist also nicht bloß störend oder verstörend, sie ist zerstörend. »Devastating« nennt sie der amerikanische Drehbuchautor Shane Black: verheerend, verwüstend. Und gibt selbst in seinen Actionkomödien diesen verheerenden Konsequenzen erzählerischen Raum: seine Figuren in Kiss Kiss Bang Bang etwa müssen wiederholt erkennen, dass Schlägereien schmerzen, dass der Beschuss von Schlössern zum Öffnen von Türen mehr treffen kann, als nur das Schloss, oder dass schon das erste Abdrücken im russischen Roulette tödlich sein kann. Seine Figuren müssen also erkennen, dass Gewalt nicht so funktioniert, wie in den Filmen, die sie kennen.

Denn Filme verharmlosen Gewalt. Der zerstörerischen Kraft jeder Gewaltanwendung, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, wird nur selten nachgefühlt. »So ganz formalisiert, bedeutungslos, so ohne den Inhalt als Sache ist die Hauptverkehrsform des Action-Films zu verstehen: das Schießen.« schreibt Künstler Bazon Brock 1965 in der Zeitschrift Film (Der empirische Charakter schießt). Im Genre ist Gewalt bloß eine von vielen Formalitäten: Der Schuss im Actionfilm, der Vergewaltiger im Actionfilm, die Verwüstungen im Superheldenfilm, Stalking im Coming-of-Age-Film, die Ohrfeige im Beziehungsdrama, die vielen Entführungen in den Liebesgeschichten von Abenteuerfilmen, all die »romantischen« Nötigungen in Harrison-Ford-Filmen, der Seifenwitz im Knastfilm, der Mord im Krimi, die Verhaftung im Krimi. (Empfehlung: Die Videoessays des »Pop Culture Detective« auf YouTube.)

All diese Gewaltanwendungen können verheerende Folgen für die Opfer haben, für die Zeugen, ja sogar für die Täter. Akins Fritz Honka erbricht sich unvermittelt, als er eine der Türen öffnet, hinter der er seine Leichen versteckt. Die Konsequenzen seiner Morde überwältigen ihn. Vielleicht ist das besonders Erschreckende des Films, dass nur er sich mit diesen Konsequenzen auseinandersetzen muss: Den Opfern trauert ja niemand nach. Das ist auch Hinweis auf eine andere mögliche Gewalthandlung, die das eigentliche Thema des Filmes zu sein scheint: Die Vernachlässigung. Vernachlässigung als Gewalt zu verstehen ist zumindest denkbar, besonders bei Kindern oder hilfsbedürftigen Senioren. Bei Akin ist es die Vernachlässigung der späteren Opfer Honkas durch die deutsche Gesellschaft.
Gewalt ist Bestandteil der Erfahrungen und der Strategien unserer Figuren.
Eine Gesellschaft, der zwar die Morde und die Situation der Opfer bekannt werden, die aber davon unberührt bleibt – wie die Figur des Mädchens Petra. Wie schon in Aus dem Nichts verzichtet Akin in Der Goldene Handschuh auf eine Versöhnung des Publikums mit seiner Welt (s. a. »Fliehen und Hoffen«, Wendepunkt N°40): es gibt keine Figur, die uns eine Hoffnung für uns Menschen geben kann. Vielleicht müssen wir beide Filme als Akins Ausstellung seines Ekels vor uns verstehen. Das ist verstörend.

Wir können nicht auf die Darstellung von Gewalt verzichten, weil sie Bestandteil der Erfahrungen und der Strategien unserer Figuren ist. Und: Die Propagandavideos des IS und das Livestreaming des Terroranschlags in Christ Church sind vielleicht ein Hinweis darauf, dass wir auf die Darstellung von Gewalt auch gar nicht verzichten dürfen: weil wir sie sonst den Tätern überlassen, die nicht verstört sondern genüsslich auf die Verheerung blicken, die ihre Gewalt bewirkt. Wir müssen es nur richtig machen. Und vielleicht öfter Angstattacken erzählen, wie die im Tatort: Zorn.

2 Comments

  1. Michael Füting Michael Füting

    Lieber Arno,
    welch ein wichtiges Thema. Vielleicht sollte man noch darauf aufmerksam machen, dass es auch ein WIE bei der Gewaltdarstellung gibt. Also wie nah geht man mit der Kamera ran und wie lange bleibt man drauf. Nicht nur Akin auch D. Graf neigt zu exzessiver Gewaltdarstellung. Mein ungutes Gefühl dabei: hat der Regisseur selber Spaß daran? In den frühen 80er-Jahren gab es die Filme des Gewaltspezialisten Sam Peckinpah. Aber ich muss ihn in Schutz nehmen. In seinem Film BRING MIR DEN KOPF VON ALFREDO GARCIA zeigt er woher Gewalt kommt, wie sie psychologisch entstanden ist. Und das ist die Bedingung. Denn, das ist richtig, Gewaltdarstellung-Verzicht geht nicht, sie ist Teil unserers Lebens.

    16. April 2021
  2. Lieber Michael,

    stimmt. Wichtiger Aspekt. Wobei dieser Exzess ja durchaus Shane Blacks Verheerung dienen kann. Zu zurückhaltende Gewaltdarstellung kann das Bild des Publikums ja ebenfalls verzerren. Da geht es weniger um das Mittel an sich, als um die Intention dahinter. Ähnliche Fragen stellen sich ja auch bei Sex im Film, gesellschaftlichen Provokationen und allem, was im Exploitation-Film dann nur noch der Lust daran dient.

    LG A

    3. Mai 2021

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