Wenn Geschichten wahr werden…

Eines vorweg: Dieser Artikel gibt sich große Mühe sensibel zu sein. Sollten Äußerungen oder Gedanken im Angesicht der aktuellen Situation bzw. deren weiteren Verlauf unangemessen oder zynisch wirken, so möchte ich mich vorweg dafür entschuldigen.

Apropos: Ist es zynisch, zurzeit Filme wie Contagion (2011) von Steven Soderbergh, Outbreak (1995) von Wolfgang Petersen oder andere Endzeit-/Katastrophenfilme anzugucken. Sicherlich besitzen diese Filme, und ganz bestimmt die Netflix-Serien Viral (2016) und Pandemic (2020), zurzeit eine gewisse Konjunktur, aber wieso? Naive Frage, die sich schnell und einfach beantworten lässt: weil es aktuell ist. So werden auch Nachrichten gemacht. Denkt man etwas länger über die Gründe nach, lässt sich etwas über das Freiheitsgefühl beim Rezipieren von Geschichten lernen.

Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten

Es gibt zahlreiche Filme, die sich ihre Vorschussloorbeeren schon im Vorspann liefern. Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Nach dem Ende des Films folgt häufig ein stummer Epilog, der die realen Ereignisse zu Ende führt. Die Filme, die ich meine, grenzen sich insoweit von Biopics ab, als dass sie Geschichten aus der Wühlkiste der Alltäglichkeiten, aus dem Basar des echten Lebens herausgekramt und filmisch aufbereitet haben.

Bekannt sind den Zuschauenden diese Geschichten im Vorfeld meistens nicht. Der Abgleich mit der Realität, wie er beim Biopic zumindest mit Halbwissen erfolgt, ist nicht möglich. Es kann bei diesen Filmen eben nicht darum gehen, bedeutende Persönlichkeiten und deren Bekanntheit auszupressen,Dieser Wettbewerb, der nicht langweiliger, aber auch nicht faszinierender sein könnte. wie es in den letzten Jahren insbesondere bei Hollywood-Produktionen geschah, z.B. Respect (2020), The Theory Of Everything (2014) oder Steve Jobs (2015)

Erst vor kurzem sah ich einen Film, der auf wahren Begebenheiten beruht:One Of These Days (2020) von Bastian Günther. Der Film handelt von einer Touch The Truck-Challenge in der texanischen Provinz. Etwa 20 Teilnehmer*innen halten ihre Hände an einem Truck. Wer am längsten durchhält, gewinnt ihn. Um diesen Wettbewerb, der nicht langweiliger, aber auch nicht faszinierender sein könnte, entspinnt sich ein bedrückender Mikrokosmos der abgehängten Mittelschicht in den ländlichen USA.

Auch One Of These Days verheimlicht nicht, dass er auf wahren Begebenheiten beruht. Nach dem Film, den ich an dieser Stelle empfehlen möchte, recherchierte ich die „wahren Begebenheiten“. Tatsächlich wurden die Ereignisse realitätsgetreu widergegeben. Macht das den Film besser? Welche Geschichte stammt denn nicht aus dem echten Leben? Wird der Film dadurch authentischer? Und hätte ich mich bei einer größeren Abweichung betrogen gefühlt? Nein, nein und nochmal nein.

Ist jede Geschichte biografisch?

Letztlich geht es um die emotionale Anknüpfungsebene, die im besten Falle auch ohne Authentizitätssiegel funktioniert. Abgesehen davon ließe sich ja immer mit der Floskel gegenargumentieren: Welche Geschichte stammt denn nicht aus dem echten Leben? Dabei mag es manchen Autor*innen kalt den Rücken herunterlaufen, schlimmer noch, wenn von autobiografisch gesprochen wird. Aber wir reden hier nicht von Autor*innenbefindlichkeiten, sondern von der Rezeptionsebene. Und eigentlich auch von Filmen, deren Fiktion von der Realität eingeholt wird und nicht umgekehrt.

Insbesondere Katastrophenfilme gehen häufig mit dem Misskredit der Übertreibung in und aus dem Kinosaal. Normalerweise kein Problem, schließlich geht es bei der Katastrophe um Unterhaltung, um den Thrill. Umso überraschender und wuchtiger, wenn die Brücke zwischen Fiktion und Realität, an deren Stelle ansonsten häufig Action und/oder zertrennte Familien/Paare treten, über den reißenden Fluss der Realitätsflucht geschlagen wird.

Künstler*innen als Propheten

Contagion wurde seinerzeit als ungeheuer realistisch besprochen und zahlreiche Youtube-Videos tun heute ihr übriges (aus aktuellem Anlass hat der Cast von Contagion ein Aufklärungsvideo produziert). Aus der Literatur gibt es ein weiteres Beispiel der Vorhersehung: Jennifer Egan, amerikanische Pulitzer-Preisträgerin, sah mit ihrem Roman Look At Me den Anschlag auf das World Trade Center voraus. Eine Woche vor der Veröffentlichung von Look At Me geschah 9/11.

Was manche als Anlass zu Verschwörungstheorien nahmen, bezeichnete Egan später mit „the energy of logic“, Die „prophetischen“ Arbeiten von Schriftsteller*innen und Autor*innen bilden einen Teil ihrer Qualität. also dem genauen Betrachten gegenwärtiger Entwicklungen und deren Ableitung hin in die Zukunft. Daraus lassen sich Motive schöpfen, die womöglich von der Realität eingeholt werden. Dystopien funktionieren in ihrem Mechanismus ähnlich, aber dort schützt das Genre die Fiktion vor der abgleichenden Kritik. Daraus entsteht eine Distanz zum Werk, die die Verschwörungstheoretiker und deren Drohungen gar nicht erst an die Oberfläche spülen.

Die „prophetischen“ Arbeiten von Schriftsteller*innen, Autor*innen, aber auch Journalist*innen bilden einen Teil ihrer Qualität. Schließlich lesen, schauen und hören wir, um uns zu orientieren, um uns zu wappnen, sei es für Smalltalk, das nächste Date, die Herausbildung und Bestätigung von Meinungen oder für eine Katastrophe.

Wenn Filme unsere Lebensrealität infiltrieren

Was passiert also, wenn wir uns diese Filme im Angesicht einer wachsenden Pandemie anschauen? Wenn sich die Bilder aus den Krankenhäusern Norditaliens mit den Bildern aus Katastrophenfilmen frappierend ähneln? Beunruhigend wie die Fiktion an meine Tür klopft und erst verschwindet, wenn ich wieder aus dem Haus darf. Ich kann nur für mich sprechen: Es beruhigt mich nicht gerade. Es spendet weder Orientierung noch Sicherheit, dass eine Fiktion in der Lage ist, den dramatischen Alltag einer Pandemie widerzugeben. (Dies gilt selbstverständlich für jeden in unterschiedlichem Ausmaß).

Viel eher beunruhigt es, dass dieses Medium, welches in seiner ursprünglichsten Form zum Träumen, zum immersiven Erleben einer anderen Welt einlädt, sich nun meine Lebensrealität aneignet. Beunruhigend wie die Fiktion nun an meine Tür klopft und erst verschwindet, wenn ich wieder aus dem Haus gehen darf.

Nun gibt es im Genre der Katastrophen- und Epidemie-Filme genügend Exemplare, die uns aufgrund ihrer dramatischen Überhöhung gleichfalls beruhigen können. Hier stellt sich die Souveränität der Zuschauenden ein wie sie auch im Schauen von Reality-TV vorzufinden ist: So weit ist es bei uns noch nicht gekommen, so ein Glück. Durchatmend, sich seiner eigenen Zivilisiertheit versichernd, können wir uns durch die Geschichte treiben lassen. Aber auch bei der positiven Wirkung der Katastrophenfilme vergleichen wir Fiktion und Realität.

Lasst mir meine „Fiktionsmobilität“

Bei Katastrophenfilmen findet der gleiche Rezeptionsmechanismus wie bei anderen Filmen statt: Ein Wechselspiel zwischen (fast getäuschtem) Viele Menschen sind in ihrer Fiktionswahrnehmung eingeschränkt. Versunkensein und dem Bewusstsein darüber, dass es sich bei dem Wahrgenommenen um eine erfundene Geschichte handelt. Statt unterbewussten Neigungen, stillen Wünschen, oder dem ewigen Bedürfnis unterhalten zu werden, spricht der Film uns auf einer Ebene an, die oberflächlicher und unmittelbarer zugleich ist: Unsere Lebensumstände.

Letztlich drückt dies nur den Anspruch an die Fiktion aus: Nimm mich mit, egal wohin, aber überlass es bitte mir, die Geschichte mit meinem Leben in Verbindung zu bringen. Geschichten sollen authentisch sein, sie sollen uns berühren, ob es Affekte, Emotionen oder Ansichten sind. Doch die Eigenleistung, die flexible Deutungshoheit und Möglichkeit der Distanzierung, soll man uns nicht nehmen. So, wie viele Menschen gerade in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und damit auf Dauer nicht leben wollen, so wollen viele nicht in ihrer Fiktionswahrnehmung eingeschränkt werden.

Die Interaktion zwischen Leinwand und Lebensrealität muss kontrollierbar sein. Schließlich will man den Film auch wieder loslassen können. Also hoffen wir, dass sich diese humanitäre wie fiktionale Krise in den Griff kriegen lässt.

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