Theorie tl;dr: Über Bedeutung im Genre

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute der Artikel „Der empirische Charakter schießt“ von Bazon Brock.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

#Bazon #Brock: Das Formale eines #Genre formt erst das Genre, verliert dadurch jedoch an Bedeutung, weil das Formale nicht Problem sein kann — Arno (@filmschreiben) 27. Mai 2015

In 50 Worten (Was ist das?): Ein Genre entsteht durch Formalisierung, doch das heißt auch, dass das Formale eines Genres keine Bedeutung mehr hat. Der Prozess der Formalisierung bedeutet den Bedeutungsverlust der Sache. Der Mord im Actionfilm, und die dazu nötige Handlung, das Schießen, haben keine eigene Bedeutung, sind Mode, werden als Mode reproduziert und imitiert.

Die Erkenntnis: Schwierig, ich hatte oben ja schon zwei Chancen, diesen Gedanken in Worte zu fassen. Und bin mir nicht mal völlig sicher, dass Brock das tatsächlich so gemeint hat. Ganz egal, der Gedanke ist interessant. Ein Dritter Versuch: Die Inhalte eines Genrefilms entsprechen bestimmten Erwartungen an das Genre, Gesetzen, Formen, Formeln, die vorher durch andere Filme des Genres geformt wurden. Diese Inhalte verlieren dadurch jedoch jede inhaltliche Bedeutung über die Einordnung ins Genre hinaus. Im Drama, bei Brock der „Kunstfilm“, ist der Schuss eine große Sache, die große Problematik am Anfang oder die große Eskalation am Ende; im Actionfilm ist er beiläufige Formalität.

Das erinnert uns vielleicht an Raymond Chandler, der sich darüber freute, dass Hammett den Mord den Menschen zurückgegeben habe, die ihn aus Gründen begehen, und nicht um dem Krimi den Aufhänger zu liefern. Im britischen Krimi ist die Leiche oft ebenso bedeutungsleere Formalität wie der Schuss im Actionfilm. Man könnte jetzt sagen, dass Hammett also ein Beweis dafür sei, dass es doch geht, das Formale mit Sinn zu füllen. Oder man kann feststellen, dass Hammett eigentlich gar keine Krimis geschrieben hat, sie haben wenig mit dem gemein, was bis dahin ein Krimi war, sogar mit dem, was heute ein Krimi ist.

Das Zitat:

So ganz formalisiert, bedeutungslos, so ohne den Inhalt als Sache ist die Hauptverkehrsform des Action-Films zu verstehen: das Schießen. Der empirische Charakter schießt nicht mehr, um in verständlicher Intentionalität zu einem Produkt seiner Arbeit zu kommen, wobei die Motivation des Handelns sich gegen jede gesellschaftliche Vermittlung durchsetzte (Thema des Kunstfilms), sondern er schießt in konsequenter Ausweitung gesellschaftlicher Erfahrung über sein Leben.

Von besonderem Interesse ist vielleicht Bazon Brock selbst (Wikipedia). Eigentlich Künstler und Kunsttheoretiker, der gemeinsam mit Beuys deutsche Aktionskunst (mit Action hat er es wohl) weiterentwickelte und die Deutsche Studentenpartei gründete, 1965 und 1966 in der Zeitschrift FILM jedoch einige filmtheoretische Artikel veröffentlichte. Die kann man jetzt gemeinsam mit anderen Texten des Buchs Ästhetik als Vermittlung online nachlesen.

Das letzte Wort:

Der Tod im Action-Film ist also nicht jener individuellen Lebens – es wird nicht gemordet. Wie die Gesellschaft nicht mehr den individuellen Tod erfahren lassen kann, so bringt auch der Action-Film nicht mehr die einzelnen Tötungen zu Gesicht, sondern Verlaufsformen gesellschaftlichen Lebens.

Bazon Brock: Zum siebten Male: Bazon Brock, ein Kritiker dessen, was es noch nicht gibt. Der empirische Charakter schießt. Ursprünglich in der Zeitschrift FILM, Ausgabe 10/1965, heute kann man den Artikel bei Bazon Brock selbst lesen.

We can cover that by a line of dialogue...

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